Köthener IndustrIegeschIchte(n) MonIKa Knof M a t t h I a s freundel K ö t h e n e r IndustrIegeschIchte(n) Vorwort Wir haben das vorliegende Heft vorsichtig und hoffnungsvoll zugleich ,,Köthener Industriegeschichte(n)" benannt. Das kleine und doch bedeutungsvolle ,,(n)" soll unserer Hoffnung Ausdruck geben, mit dieser ersten Publikation eine Reihe zu begründen, welche sich der Geschichte der Köthener Firmen widmen soll. Unsere Stadt hat zwar keine ,,Weltfirma" hervorgebracht, deren Ruf heute noch in aller Munde ist (sieht man vom Namen Junkers ab, mit Köthen verbunden durch das Motorenwerk in nationalsozialistischer Zeit), dennoch gibt es viel Interessantes zu erzählen. Für jedes Unternehmen gibt es Geschichten ihrer Entwicklung als Betrieb ebenso wie Geschichten zu den Personen und Familien, welche es begründeten und besaßen. Je mehr man sich dabei mit einem Unternehmen, einer Person oder einer Familie befasst, desto mehr wird man an Informationen finden, aber auch vermissen. Jede der vorliegenden oder auch der künftigen Darstellungen wird daher ein Puzzle sein, in dem Teile fehlen. Manche Teile werden hinzugefügt werden können; es wird aber auch Erkenntnisse geben, welche den völligen Umbau des vorhandenen Bildes notwendig machen. Uns ist es wichtig, einen Anfang zu machen. Viele heute noch lebende Zeitzeugen ehemaliger Köthener Unternehmerfamilien werden ihre Erinnerungen bald nicht mehr weitergeben können. Diese zu bewahren ist ebenso notwendig wie neue Erkenntnisse aus anderen Quellen zu gewinnen. Das es Handlungsbedarf gibt, belegt die (schon in diesem Heft feststellbare) Tatsache, dass es z. B. von Persönlichkeiten der vergleichsweise jüngeren Köthener Industriegeschichte wie Oswald Lührs keine Fotos gibt, welche ihnen für uns ein Gesicht geben. In diesem Sinne hoffen wir, Anregungen gegeben zu haben und wären nicht böse, für künftige Hefte Mitstreiter zu finden, die ihre Köthener Industriegeschichte(n) erzählen. Ein besonderer Dank geht an die druckhaus köthen GmbH, die stm media GmbH und die Familie von Kerssenbrock für die Unterstützung unseres Projektes. Köthen, Februar 2008 Monika Knof Matthias Freundel V Inhalt Matthias Freundel Wagner und Michael . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Standortpoker 1931 1935. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Die Ära Dörries . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 1 7 Neuanfang in Düren Existenz bis heute . . . . . . . . . . . . . . . . 57 dIe entstehung der Köthener IndustrIe und Ihre entwIcKlung bIs 1945 Die Anfänge im 18. und 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . Köthens Industrie im Kaiserreich (1870 1914) . . . . . . . . . . . anhang Statistische Angaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Anmerkungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 ,,Köthener Wirtschaftskrise" der Vorkriegsjahre . . . . . . . . . . . 14 Die Köthener Industrie im 1. Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Nachkriegszeit und ,,goldene Zwanziger" . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Die letzten Jahre der Weimarer Republik . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Machtergreifung durch die Nationalsozialisten . . . . . . . . . . . . 23 Der 2.Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Köthen eine Industriestadt ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Monika Knof M I n n a wagner Verw. MogK geb. walter und dIe KnochenleIMfabrIK In Köthen Die Dorfstätte und der Scharfrichter Calow . . . . . . . . . . . . . . 65 Die Besitzverhältnisse auf der Dorfstätte . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Der Fabrikbesitzer Hermann Pahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Intermezzo Otto Mogk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Die Firma zwischen den Kriegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Und wie ging es mit der Firma weiter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 anhang Gründungsdaten Köthener Firmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Gründungsdaten Köthener Aktiengesellschaften . . . . . . . . . . 30 Anmerkungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Matthias Freundel anhang Anmerkungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 dIe MaschInenfabrIK ag, VorM. wagner & co., In Köthen Gründung durch C. Thiel und Wachstum unter J. Wagner . . . . 33 Von der Familienfirma zur Aktiengesellschaft . . . . . . . . . . . . . 36 Der 1. Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Die 20er Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 abbIldungsnachweIse Abbildungsnachweise aller Beiträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 VII M a t t h I a s freundel dIe entstehung der Köthener IndustrIe und Ihre entwIcKlung bIs 1945 d I e anfänge IM 18. und 19. Jahrhundert Die Bürger der Stadt Köthen gingen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorwiegend ländlichen Beschäftigungen nach. Der Status einer ,,Residenzstadt" und die damit verbundenen Bedürfnisse einer fürstlichen bzw. herzoglichen Hofhaltung garantierten ebenfalls Einnahmen für einen bestimmten Kreis von Einwohnern der Stadt. Ausdruck des generellen Charakters eines Ackerbürgerstädtchens ist der bis heute vielfach, im Guten wie im Bösen, verwendete Ausdruck ,,KuhKöthen". Zeitgenössische geografische und allgemeine Nachschlagewerke vermerken bis etwa 1850 insbesondere den bedeutenden Woll und Getreidehandel der Stadt Köthen sowie die Existenz von Gerbereien. Bereits im 18. Jahrhundert schreibt dazu Beckmann: ,,die Bürger und Einwohner dieser Stadt sind von den Vermögendsten in ganz Anhalt und treiben nicht wenige Kaufmannschaft und einen starken Wollhandel, dessen Ursach vornehmlich in der Lage der Stadt gelegen, als welche nicht allein mitten im Fürstenthum Anhalt sich befindet, sondern auch viel Magdeburgische und Sächsische Städte, Dörfer und adlige Dörfer herumliegen, welche Getraide, Wolle und was sie sonst haben, in ziemlicher Menge zum Verkauf hereinbringen und dergestalt den Einwohnern Gelegenheit geben, ihre Nahrung zu mehren."1 Der Begriff ,,Handel" wurde dabei von den Köthenern weit ausgelegt, auch Schmuggel gehörte dazu. AnhaltKöthens Zölle waren geringer als die Preußens, weshalb es sich lohnte, Güter über die Elbe (auf der ,,freie Schifffahrt" galt) nach Anhalt zu bringen und von dort illegal nach Preußen einzuführen. Wegen dieser Geschäfte geriet das kleine AnhaltKöthen mit dem benachbarten mächtigen Preußen in den Jahren 1818 bis 1828 in ernsthaften Konflikt. Köthener Kaufleute, so Baruch Friedheim, dem z. B. ein mit Zucker beladenes Schiff vom preußischen Zoll im (preußischen) Mühlberg beschlagnahmt wurde, verdienten gut an diesen Folgen deutscher Kleinstaaterei.2 Die Handelsgeschäfte der, vornehmlich dem jüdischen Glauben angehörenden, Köthener Familien der Friedheims, Fürstenheims etc. bildeten im Übrigen die Grundlage für die im 19. Jahrhundert stattfindende Umwandlung ihrer Firmen in Bankgeschäfte. Diese Banken begleiteten, finanziell oder sich selbst als Gründer betätigend, den Entstehungsprozess der Köthener Industrie. Erste für Köthen fassbare industrielle ,,Etablissements" waren im 18. Jahrhundert eine Fayence Manufaktur und die Gold und Silberwarenfabrik der Familie Schnurbein; der Erfolg beider ,,Fabriken" hing im Wesentlichen von den Bedürfnissen der Hofhaltung der fürstlichen Residenz Köthen ab. Der Begriff der ,,Industrie" relativiert 1 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 sich schon am Beispiel der von ca. 1735 bis 1758 existenten ,,FayenceManufaktur". Sie hatte eher den Charakter einer kleinen Werkstatt, ihr ,,gelang der notwendige Sprung aus einem keimhaften Stadium einer Manufaktur in ihre voll entwickelte Form nicht".3 Eher von Bedeutung war da schon die Fabrik der Familie Schnurbein. Ein Geografiebuch aus dem Jahre 1805 vermerkt unter Köthen: ,,... hat eine Gold und Silberfabrik ..."4; eines von 1832: ,,Ein bedeutender Fabrikort ist Köthen nicht, seine berühmteste Fabrik liefert echte Tressen ..."5. Die ca. 1710 von der Familie Schnurbein in Köthen begründete Gold und Silberfadenherstellung sowie verarbeitung kann als ,,Industrie" im weitesten Sinn bezeichnet werden. Die Schnurbein'sche Manu faktur befand sich in der Wallstraße (Gebäudekomplex des heutigen Katholischen Pflegeheimes), ihre Produkte wurden u. a. zu Tressen, Troddeln und Knöpfen verarbeitet und wohl vor allem für den Bedarf des Köthener Hofes benötigt. Ein Besucher Köthens im Jahre 1794 notierte bezüglich der ,,Gold und Silbermanufakturen, welche noch itzt 300 Menschen beschäftigen", das ,,ein Herr von Schnurbein ... sie errichtet und dirigiert sie noch itzt in einem Alter von 89 Jahren."6 Anfang des 19. Jahrhundert sind dann diese ,,Fabriken" jedoch ,,eingegangen".7 Die meisten der z. T. bis heute existierenden Köthener Unternehmen wurden im 19. Jahrhundert gegründet. Eine Ausnahme bildete dabei die Druckerei Schettler, Abb. 1 Grabmal der Familie Schnurbein auf dem alten Köthener Friedhof (heute Friedenspark) Abb. 2 Paul Schettler (06.03.1826 17.10.1885) 2 D I e Anfänge Im 18. u n D 19. JAh r h u n D e r t die als ältestes Köthener Unternehmen ihre Ursprünge auf die 1618 gegründete Druckerei des Fürsten Ludwig zurückführt. Die Gerberei und spätere Lederfabrik von Bunge & Sohn kann mit ihrem Gründungsdatum von 1720 den Rang des ,,zweitältesten" Unternehmens beanspruchen. Dritter im Bunde ist die Behr'sche Destillation und Likörfabrik am Heinrichsplatz, welche aus der 1831 gegründeten Materialwarenhandlung von Wilhelm Behr in der Schalaunischen Straße hervorging. Ein wirtschaftsgeschichtliches Kuriosum, wenn auch in den Jahren ihrer Existenz ein nicht zu unterschätzender ökonomischer Faktor für Anhalt und Köthen, war die vom 01.08.1840 bis zu ihrer Aufhebung am 01.05.1849 in den Räumen der Köthener Bahnhofsrestauration betriebene Spielbank. Allerdings geriet die Stadt auch deutschlandweit wegen dieser Einrichtung in ,,üblen Ruf".8 Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Köthen bereits zahlreiche Gewerbetreibende und ihre Zahl stieg stetig an. Ein am 09. Oktober 1844 ins Leben gerufener ,,GewerbeHülfsVerein" hatte zum Zeitpunkt seiner Gründung 55 ,,wirkliche" und 137 EhrenMitglieder. Drei Jahre später hatte sich die Zahl der ,,wirklichen" Mitglieder mit 183 mehr als verdreifacht. Bereits zur ersten ,,Gewerbeausstellung" des Vereins konnten 131 Aussteller verzeichnet werden.9 Die politischen Veränderungen durch die Revolution von 1848 hatten natürlich auch ökonomische Auswirkungen. Der Industrialisierungsprozess in Deutschland allgemein und in Anhalt im besonderen wurde beschleunigt. In Anhalt und Köthen wirkten, neben gesamtdeutschen Entwicklungen, darüber hinaus einige spezielle Faktoren: 1. Staatliche Einigung Anhalts 2. Eisenbahnbau und Köthens Rolle als früher Eisenbahnknotenpunkt 3. Neue Nutzungsmöglichkeiten der in der Köthener Gegend vorhandenen Rohstoffe (Zuckerrüben, Braunkohle, Kalisalze). Die seit dem 17. Jahrhundert bestehende Teilung des ohnehin kleinen Landes Anhalt fand im 19. Jahrhundert ihr Ende. Im Jahre 1847 erlosch mit dem Tode des kinderlosen Herzogs Heinrich die Linie AnhaltKöthen. Als 3 Abb. 3 Lasterhaft, aber einträglich: Bahnhofsrestauration und Spielbank D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 1863, ebenfalls kinderlos, der Herzog Alexander Karl von AnhaltBernburg starb, war das gesamte anhaltische Territorium wieder vereinigt. Am bedeutendsten für die ökonomische, politische und soziale Entwicklung Köthens wurde der Eisenbahnbau. Bereits 1840 wurden die Strecken Magdeburg Köthen Halle Leipzig und Dessau Köthen fertig gestellt, 1841 die Strecke von Berlin über WittenbergDessau, 1846 die Strecke KöthenBernburg. Köthen wurde einer der ersten Eisenbahnknotenpunkte. Für jede Strecke wurde ein besonderer Bahnhof errichtet, weshalb die Stadt über mehrere Bahnhöfe verfügte. Die bereits erwähnte Spielbank wurde in der 1840 errichteten und entsprechend der hohen Passagierzahl prächtigen ,,Bahnhofsrestauration" betrieben. Weiterhin wirkte sich auf die Entwicklung Köthens als Industriestandort die Existenz bzw. seit Anfang des 19. Jahrhunderts erst mögliche Förder und Nutzbarkeit von in der näheren Umgebung der Stadt vorhandenen Rohstoffen aus Vorkommen an Braunkohle, Kalisalzlager bei Bernburg / Staßfurt und ergiebige, besonders zum Anbau von Zuckerrüben geeignete, Böden. Mit und wegen diesen Triebfedern entstand dann auch im Zeitraum zwischen 1850 und 1865, zwischen 1848er Revolution und Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 die ,,Köthener Industrie", d. h. die später bedeutendsten Firmen und bis zum Jahre 1945 prägendsten Produktionsprofile. Die Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, insbesondere der Zuckerrübe, erlangte in Köthen mit der Gründung von zwei (eigentlich drei, wenn man die 4 Zuckerfabrik im nahe der Stadt gelegenen Dorf Klepzig hinzurechnet) Zuckerfabriken (Zuckerfabrik AltKöthen / gegründet 1856, Zuckerfabrik Holland / gegründet 1863, Zuckerfabrik Klepzig / gegründet 1864), der Brauerei Dambacher (gegründet 1860, spätere Actienbrauerei Cöthen) und der Mälzerei Wrede (gegründet 1865) industriellen Charakter. Abb. 4 Ältestes Foto der Zuckerfabrik AltKöthen (um 1870) Die Bedürfnisse der Eisenbahn führten in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts zur Gründung einer Herzoglichen Maschinenbauanstalt als Eisenbahnreparaturwerk, aus der 1860 die Maschinenfabrik Rudolf Dinglinger hervorging. Zucker und Papier prägten das Produktionsprofil des entstehenden Köthener Maschinenbaus. Die 1863 gegründete Maschinenfabrik von August Paschen lieferte von Anfang an Ausrüstungen für die Zuckerindustrie; Dinglinger stieg bereits früher in dieses Geschäft ein. Bei D I e Anfänge Im 18. u n D 19. JAh r h u n D e r t de erlangten in ihrem Spezialbereich europäischen Ruf. Die dritte große Firma im Bunde Köthener Maschinenfabrikanten, Wagner, wurde von dem ,,Civilingenieur" Carl George Thiel gegründet und begann im Jahre 1860 mit der Produktion landwirtschaftlicher Maschinen. Der im Jahre 1865 hinzugekommene Kompagnon Thiels, der Amtmann Friedrich Wilhelm Julius Wagner, erkannte jedoch bald die geschäftlichen Möglichkeiten auf dem Gebiet des Papiermaschinenbaus. Unter den Namen ,,Wagner" (Thiel hatte 1872 das Werk an seinen Partner verkauft) erwarb sich die Firma international einen guten Ruf. Der Befriedigung eines Grundbedürfnisses jedes damaligen Unternehmens, der Krafterzeugung, dienten die Dampfkessel, welche Franz Kurth seit 1863 in Köthen herstellte. Abb. 6 August Paschen (25.08.1832 14.01.1909) Abb. 5 Rudolf Dinglinger (04.09.1832 01.12.1904) Abb. 7 Franz Kurth (17.02.1840 22.09.1914) 5 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Der Einsatz von Dampfkesseln bzw. von Dampfmaschinen illustriert recht gut die Tatsache, dass nicht nur Köthen, sondern ganz Anhalt im Vergleich mit ,,gesamtdeutschen" Verhältnissen, durchaus eine sich dynamisch entwickelnde Wirtschaftsregion war. In den Jahren 1846 / 47 waren in ganz Deutschland ca. 29.000 Dampfmaschinen in Betrieb, in Anhalt 175. Im Jahre 1875 dagegen standen den 747.649 Dampfmaschinen in Deutschland 7.264 in Anhalt gegenüber: war die Zahl für Deutschland um das 26fache gestiegen, so betrug die Steigerung in Anhalt das 41fache!10 Im Jahr 1862 hatte der Köthener Kaufmann Fernando Lüdicke in der Nähe der Eisengießerei Dinglinger ein Gaswerk, ursprünglich für Zwecke der städtischen Beleuchtung, gegründet. Schon im Januar 1863 verkaufte er die ihm dafür erteilte Konzession an die Allgemeine Gas ActienGesellschaft in Magdeburg, die sich davon eine Gewinnsteigerung versprach. Eine realistische Vorstellung, waren doch die ,,Nachbarn" des Werkes Dinglinger und die Zuckerfabrik Holland, aber auch die Zuckerfabrik AltKöthen, Wagner und die Bahnhöfe der Stadt zu Hauptabnehmern des erzeugten Gases geworden.11 Nicht zuletzt der Kapitalbedarf Köthener Firmen führte zum Aufblühen bestehender bzw. zur Neugründung von Banken in der Stadt. Die Wahrnehmung des nunmehr lukrativen Gründungs und Kreditgeschäfts hinderte diese jedoch nicht, bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts und z. T. weit darüber hinaus ihre ursprünglich gepflegten Handelsgeschäfte mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Düngemitteln u. ä. weiter zu betreiben. Der Zeitpunkt des Charakterwandels zur ,,reinen" Bank ist z. B. für das Jahrzehnte die Köthener Geschäftswelt dominierende Bankhaus der Familie Friedheim mit 6 dem 01.01.1845 anzusetzen, als die drei Söhne des Firmengründers Baruch Jacob Friedheim die Geschäftsleitung von diesem übernahmen. Friedheim hatte allerdings bereits seit 1799 ein Leihhaus betrieben und damit bankähnliche Geschäfte ausgeführt.12 Abb. 8 Felix Friedheim (13.08.1845 28.03.1900) Auch Carl Fürstenheim hatte bereits seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Wechselstube und damit ins Bankfach fallende Geschäfte betrieben. Sein Bankhaus hatte später enge Beziehungen zum bedeutenden Berliner Bankier Gerson Bleichröder, welcher u. a. das Privatvermögen des Reichskanzlers Bismarck verwaltete.13 Der Grundstein der Entwicklung von ,,Industrie" in Köthen wurde in den Jahren vor der Gründung des K ö t h e n s InDu s t r I e Im K A I s e r r e I c h (1870 1914) Deutschen Kaiserreiches gelegt. Alle später entstandenen weiteren Unternehmen florierten zwar z. T. ebenfalls lange Zeit, erreichten aber nie die Bedeutung für die Stadt wie die in den Jahren vor 1870 begründeten Firmen. K ö t h e n s IndustrIe IM KaIserreIch (1870 1914) Der allgemeine Aufschwung im Zuge des deutschfranzösischen Krieges und der Einigung Deutschlands im Deutschen Kaiserreich von 1871 führte auch in Köthen nochmals zur Gründung einer Reihe bedeutsamer Firmen anders als in Berlin gab es jedoch keinen ,,Gründerkrach". Das zeitgenössische Standardwerk ,,Der Börsen und Gründungsschwindel in Deutschland" führt als einziges in bzw. bei Köthen gelegenes ,,Schwindelunternehmen" die im April 1872 gegründete Zuckerfabrik Glauzig auf.14 Die diesbezüglichen Zweifel über die Überlebenschancen des u. a. von den Köthener Bankhäusern Friedheim und Herzberg initiierten und mit dem Köthener Rechtsanwalt Lezius sowie dem Köthener Oberbürgermeister Joachimi als Aufsichtsrat besetzten Unternehmen erwiesen sich jedoch als falsch. Die Zuckerfabrik bestand bis ins 20. Jahrhundert hinein. ,,Windige" Gründungen hat es aber dennoch auch in Köthen gegeben, sogar noch vor dem Kaiserreich. So gab es eine ,,Tyroler BergbauGesellschaft" mit Köthener Sitz.15 In den 70er Jahren wird für Köthen eine ,,Anhaltische BergwerkVerein ActienGesellschaft" erwähnt, deren Vorstand jedoch aus Berlinern bestand.16 Von diesen Ausnahmen abgesehen gründete man im Köthen des Kaiserreiches, ganz provinziell, mit Konzept und langsam, dafür aber (meistens) dauerhaft. So entstand 1870 die ,,Kräuterspezialitäten"Firma F.A. Schreiber, aus der 1912 die Schokoladenfabrik Gerhardt hervorging. Ebenfalls der Produktion von Bedürfnissen der Papier bzw. Druckindustrie widmete sich die 1872 gegründete Firma von Reinicke & Jasper (später Nebrich). Ende des 19. Jahrhundert entstand dann mit drei Firmen bzw. Zweigwerken größerer Unternehmen noch die chemische ,,Industrie" Köthens (Beck & Lührs / gegründet 1892, Musche bzw. Chemische Fabrik Köthen / gegründet 1890, Verein Chemischer Fabriken Zeitz AG / Zweigwerk Köthen errichtet 1890). Im gleichen Zeitraum wurden einige der etablierten Unternehmen aus familiären oder finanziellen Gründen in Aktiengesellschaften umgewandelt: 1883 die Brauerei Dambacher in die Actienbrauerei Cöthen, 1889 die Mälzerei Wrede in die Mälzerei AG, 1890 die Maschinenfabrik Wagner in die Maschinenfabrik Cöthen AG und 1897 die Maschinenfabrik von August Paschen in die Maschinen und Werkzeugfabrik AG. Die Gründer der Köthener Firmen stammten aus unterschiedlichen sozialen Gruppen und Schichten. Einige waren angesehene Köthener Geschäftsleute bzw. Landwirte aus Köthen und Umgebung oder gehörten alteingesessenen Familien der Stadt an. Die Brüder Alfred und Wilhelm Behr, beide unabhängig Begründer von Brennereien, entstammten einer solchen Familie. Die Zuckerfabrik AltKöthen wurde von wohlhabenden Landwirten aus Köthen bzw. des Köthener Umlandes gegründet, die Zuckerfabrik Holland entstand vor allem Dank der Initiative des Köthener Maschinenfabrikanten Wagner, welcher zudem ebenfalls ein früherer Gutspächter gewesen war. Die Firmengründer Wilhelm Schulze 7 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Abb. 9 Briefkopf der Mälzerei AG, vorm. A. Wrede (um 1900) (im Volksmund ,,Eisenschulze" genannt, Mitbegründer der Maschinenbaufirma Schulze & Naumann und der Actienbrauerei) und Friedrich Thriesethau (Mälzerei Thriesethau & Co.) waren angesehene Köthener Kaufleute. Bedeutende Köthener Firmen wurden von auswärtigen Geschäftsleuten gegründet. Rudolf Dinglinger war der Sohn eines Kommerzienrates und Teppichfabrikanten aus Berlin und selbst Inhaber einer ,,Maschinenbauanstalt" (ebenfalls in Berlin), Albert Wrede ,,DampfOel und GraupenFabrikant"17 aus Wolfenbüttel, Friedrich Dambacher Brauereibesitzer und Bergwerksunternehmer aus Dessau. Die Fabrikantenfamilie Mitscherling stammte ursprünglich aus Chemnitz. Die 1890 in Köthen errichtete Superphosphatfabrik war ein Zweigwerk der Chemischen Fabrik Aue bei Zeitz (vormals Weber und Schröder). 8 Daneben gab es aber auch einfache Handwerker und Arbeiter, die sich, vorerst mit einer Geschäftsidee und einer kleinen Werkstatt, selbstständig machten und aus diesen Anfängen heraus eine größere Firma entwickelten. August Paschen war Messerschmied, Franz Kurth Kupfer und Kesselschmied. Hermann Reinicke (Reinicke & Jasper) war Gelbgießer und Mechaniker. Viele der Firmengründer hatten enge finanzielle Beziehungen zu Köthener Bankhäusern. Friedheim engagierte sich bei der Aktienemission von Paschen und Wrede, Fürstenheim bei der von Wagner. Bisherige ,,nebenberufliche" Bankiers wie der Kaufmann Fernando Lüdicke (als Bank firmierend unter ,,Lüdicke & Müller") oder die Gebrüder Herzberg, wandelten ihre Firmen im Jahr 1870, die günstigen konjunkturellen Zeichen der Zeit erkennend, in reine Bankgeschäfte um. An Lüdi K ö t h e n s InDu s t r I e Im K A I s e r r e I c h (1870 1914) cke & Müller beteiligte sich im Jahre 1872 die regional dominierende AnhaltischDessauische Landesbank. Die HerzbergBank erwarb nach dem Tode des letzten Inhabers im Jahre 1874 dessen Prokurist, Oscar Sonnenthal; der Firmenname lautete seitdem ,,Oscar Sonnenthal, Gebr. Herzberg Nachfolger".18 Auch auswärtige Geldinstitute engagierten sich in Köthen. So hatte die Firma Paschen von Anfang an enge Beziehungen zu Dresdener Bankhäusern. Ihr Lebenswerk machte sich für einige der Unternehmer bezahlt. Für den Schmied August Paschen ging in gewisser (und den bescheidenen Verhältnissen der Provinzstadt Köthen angemessener) Weise das Märchen ,,Vom Tellerwäscher zum Millionär" in Erfüllung: Anlässlich der Umwandlung seiner Firma in eine Aktiengesellschaft im Jahre 1897 erhielt Paschen 194.616,14 Reichsmark in bar, 350.000 Reichsmark in Aktien der neuen AG (was einem Anteil von 46,7 % an der neuen Firma entsprach) sowie 150.000 Reichsmark als Hypothekenschuld auf die Firmengrundstücke.19 Kommerzienrat Albert Wrede erhielt im Jahre 1888 von den Begründern der Mälzerei AG 1.433.500 Reichsmark in bar und 750.000 Reichsmark als Hypothekenschuld auf die Firmengrundstücke für seine Firma.20 Interessant ist hinsichtlich der Firmengelände die eindeutige Bevorzugung der Flächen links und rechts der Eisenbahn. Die Schienenstränge boten den Unternehmen die Möglichkeit, schnell und kostengünstig große Mengen von Rohstoffen heranzuschaffen und die Endprodukte zu versenden. Schon Siebigk stellte 1867 fest: ,,östlich von der Stadt, aber jetzt schon ganz mit der Bärthorvorstadt verbunden, liegen die großen Bahnhofsanlagen ... mit ... einer herzoglichen Eisengießerei (später Dinglinger) ... und der prächtig gebauten Zuckerfabrik Holland. ... In einiger Entfernung nordöstlich von der Stadt an der BerlinAnhaltischen Eisenbahn liegt eine zweite große Zuckerfabrik."21 Wagner und Wrede sowie die Zuckerfabrik Holland siedelten sich von Anfang an in der Nähe der Eisenbahn an. Fabrikanten wie Behr, Kurth und Paschen gaben nach einiger Zeit ihre Fabriken in der (erweiterten) Innenstadt auf und erwarben Flächen in Reichweite der Gleisanlagen. Die letzte bedeutende Ansiedlung in der Nähe der Eisenbahn erfolgte 1890 (Superphosphatfabrik) und 1908 (Schwefelsäurefabrik) durch die Chemische Fabrik Aue bei Zeitz. Dieser ,,Chemiekonzern" mit Zweigwerken in verschiedenen Orten wurde 1906 in eine Aktiengesellschaft mit dem für damalige Verhältnisse stattlichen Kapital von 13 Millionen Goldmark umgewandelt.22 Die Situation Anfang des 20. Jahrhunderts wird so geschildert: ,,Die bedeutendsten Fabrikanlagen Cöthens haben die Nähe der Schienenstränge gesucht. Die Gasanstalt, die Dinglingersche Maschinenfabrik und die Zuckerfabrik Holland schieben sich südsüdöstlich von den Bahnhöfen zwischen die Gleise der CöthenBernburger und der CöthenHallischen Bahnstrecke. Hin und her folgen andere, Mälzereien, Chemische Fabriken, Kunstdüngerfabrik, Maschinenfabriken und andere, bis hinüber zur Zuckerfabrik Cöthen, die der großen Kiesgrube benachbart liegt".23 Begehrt war ein eigenes Anschlussgleis, welches für die einzelne Firma den Bezug von Material und den Versand der Produkte bedeutend erleichterte und verbilligte. Paschen und die Dampfkesselfabrik Kurth erhielten z. B. ein solches erst nach langen Verhandlungen im Jahre 1913. 9 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Abb. 10 Drang zur Eisenbahn Köthens bedeutendste Firmen lagen an den oder in der Nähe der Gleisanlagen (Situation um 1890) Dabei blieben die von den Firmen erstrebten wirtschaftlichen Vorteile meist unausgesprochen, argumentiert wurde der entscheidungsbefugten Stadtverwaltung gegenüber vielmehr mit dem Wegfall des Transportes ,,nicht unbeträchtlicher Lasten durch Pferd und Wagen", wodurch die ,,Straßen entsprechende Schonung erfahren"!24 Der Vorteil, einen eigenen Bahnanschluss zu besitzen bzw. wenigstens in unmittelbarer Nähe der Gleisanlagen zu sein, ließ einen entscheidenden Nachteil von Köthens bedeutendstem ,,Industriegebiet" an der Eisenbahn in den Hintergrund treten den Wassermangel. Wasserleitungen aus dem innerstädtischen Gebiet zu den Betrieben gab es bis zum 1. Weltkrieg nicht, die Stadtverwaltung 10 ließ sich mit der wassertechnischen Erschließung des Geländes Zeit. Bohrungen nach ,,einwandfreiem, genießbaren Trinkwasser", ja selbst nach Brauchwasser erbrachten nicht den erhofften Erfolg. Das erbohrte Wasser wurde sogar, besonders in den Sommermonaten, zur Ursache vieler Krankheiten unter den Arbeitern der an der Eisenbahn gelegenen Betriebe.25 Die Firma Paschen schilderte im Jahre 1909, anlässlich ihres wiederholten Ersuchens um Ausführung einer Wasserleitung bei der Stadtverwaltung, ihr diesbezügliches Dilemma: ,,Wie Ihnen zu wiederholten Malen geschrieben, werden wir von der Gewerbeinspektion gedrängt, K ö t h e n s InDu s t r I e Im K A I s e r r e I c h (1870 1914) Abb. 11 Briefkopf der Firma Paschen ,,Cöthen Bahnhof" (!) um 1900 Badeeinrichtungen für die Leute zu schaffen, was uns aber unter diesen Umständen, da wir nicht genügend Wasser haben, und kein Abfluss für dasselbe vorhanden, unmöglich ist. Ebenfalls können wir es nicht mehr länger verantworten, unseren Leuten das auf unserem Grundstück gebohrte Oberwasser als Trinkwasser benutzen zu lassen. ... ist es als Menschenpflicht zu betrachten, für die Leute gesundheitsdienliches Trinkwasser zu schaffen."26 Diese Situation wurde erst nach dem 1. Weltkrieg verbessert bzw. behoben. Ein weiteres, allerdings von der Ausdehnung und auch der Größe der Firmen her kleineres Industriegebiet befand sich im Dreieck Ratswall Verlängerte Augustenstraße Dreiangel. Hier, im früheren ,,Gemüsegarten" Köthens (jahrzehntelang betrieben hier berufsmäßige Gärtner ihr Geschäft im großen Stil) siedelten sich nach und nach die Familie Mitscherling mit ihren Firmen, die Lackfabrik Beck & Lührs und die Melassebrennerei Horney & Krause an. Auch dieses Industriegebiet wurde mit Nebengleisen der Eisenbahn verkehrstechnisch für die Unternehmen erschlossen. In der eigentlichen (Innen)Stadt Köthen gab es bzw. verblieben nur wenige größere Firmen: die Druckereien Schettler und Dünnhaupt, die Actienbrauerei, die Maschinenfabriken Reinicke & Jasper (später Nebrich) und Schulze & Naumann, die Chemische Fabrik (Musche) und der Wagenfabrikant Deißner. Die Lage ihrer Betriebe mitten in Wohnstraßen trug ihnen oft Ärger ein. Zahlreiche Anwohner klagten über Lärm, Gestank, Abgase und Ähnliches. 11 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 So beschwerten sich die Bewohner der Dr. Krause, Augusten und Heinrichstraße immer wieder über Schulze & Naumann: über die Lärmbelästigung durch ,,Lokomobile" und Dampfhämmer, über ein ,,von früh bis abends" durch Elektromotoren verursachtes ,,summendes, pfeifendes, unerträgliches Geräusch" sowie über Rauch und ,,Feuerregen", welcher schon aufgehängte Wäsche versengt hätte.27 Die wirtschaftliche Blüte der Köthener Industrie und der Stadt Köthen in den Jahren des Kaiserreiches hat Hochkonjunktur ein, die, von zwei kurzen Rezessionen (1901 / 02 und 1907 / 08) unterbrochen, bis zum Ausbruch des 1. WK anhielt."28 Die Stadt Köthen selbst wurde auch unternehmerisch tätig: 1884 errichtete man ein städtisches Wasserwerk, 1894 einen städtischen Schlachthof. Die dafür notwendigen Kapitalien (498.000 Mark Wasserwerk, 320.000 Mark Schlachthof) wurden, ganz zeitgemäß, durch Anleihen aufgebracht. Die dabei ausgegebenen Obligationen ließ man, soviel hielt die Stadtverwaltung auf sich und konnte es sich auch leisten, durch die schon damals renommierte Wertpapierdruckerei Giesecke & Devrient drucken. Auch die Elektrizität hielt Einzug in der Stadt. Die AEG errichte in den Jahren 1906 / 1907 ein Elektrizitätswerk in Köthen. Im Jahre 1916, mitten im 1. Weltkrieg, machte dann die Stadt, um ihr ,,Angebot" an die Bürger zu komplettieren, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb die Anlage. Die Köthener Stadtoberen konnten im Jahre 1912, bei einer Gesamteinwohnerzahl von 23.347 Personen, mit einigem Stolz vermelden: ,,Es wurden in den größeren gewerblichen Betriebsstätten hiesiger Stadt gemäß den Nachweisungen der Krankenkassen am Ende des Kalenderjahres ... 1.956 Arbeiter und 310 Arbeiterinnen beschäftigt." Dieselben verteilten sich auf die einzelnen Industriegruppen wie in Tabelle 1 angeführt. Zur Relativierung dieser Zahlen ist festzuhalten, das im genannten Jahr von all diesen ,,Fabriken" lediglich sechs über 100 Beschäftigte hatten: die Maschinenfabriken Wagner, Dinglinger und Paschen, die zwei Zuckerfabriken sowie die Druckerei Schettler. Von den insgesamt für Abb. 12 Auch eine Art von Umweltverschmutzung spektakulärer Brand im Köthener Werk der Chemische Fabriken Zeitz AG im Jahre 1904 te zwar viele in den spezifischen Bedingungen der Stadt und in den Fähigkeiten der handelnden Personen liegende Gründe, fußte aber generell in den allgemeinen deutschen Entwicklungen jener Zeit. ,,Nach den ökonomisch schwierigen, von Wachstumsstörungen begleiteten zwei Jahrzehnten im Anschluss an den Gründerkrach von 1873 setzte Mitte der 90er Jahre eine beispiellose 12 K ö t h e n s InDu s t r I e Im K A I s e r r e I c h (1870 1914) Arbeiter 15 Fabriken der Eisenbranche 1 Metallwarenfabrik 7 Möbelfabriken 3 mechanische und elektrotechnische Werkstätten 2 Seifen und Parfümeriefabriken 2 Zigarrenfabriken 1 Schokoladenfabrik 2 Brauereien 5 Buchdruckereien 1 Sprit und Essigfabrik 2 Zuckerfabriken 2 Malzfabriken 2 Tiefbohrwerke 2 Konservenfabriken Tabelle 1 1.060 7 61 86 9 21 18 39 173 16 306 83 61 16 Arbeiterinnen 2 4 139 35 83 2 26 2 19 Abb. 13 Obligation der Stadt Köthen von 1895 Mit dieser Anleihe wurde der Bau des städtischen Schlachthofs finanziert Abb. 14 Belegschaft der Firma Dinglinger um 1900 Köthen genannten 2.266 Arbeitern und Arbeiterinnen waren ca. 40 % allein bei Wagner, Dinglinger und Paschen beschäftigt.29 Viele der Fabriken waren eher kleine und mittlere Handwerksfirmen. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität lässt sich recht gut an der Köthener ,,Maschinenfabrik" Baumgarten, gelegen Promenade / Grüne Gasse, illustrieren: Das Firmenbriefpapier von Albert Baumgarten aus dem Jahre 1900 verkündet mit dem Jahre 1851 stolz das Gründungsdatum der Firma und bietet als Produktionspalette verbal an: ,,Maschinen für die Dünger13 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Branche, MühlenAnlagen, MüllereiMaschinen, Transmissionen nach Sellers, Pumpen aller Art". Den linken Bogenrand schmücken die dekorativen Abbildungen von sechs Maschinen aus dem o. g. Programm. Das Firmengelände ist nicht dargestellt.30 Dies scheint aus gutem Grund so gewesen zu sein. In einem Baugesuch aus dem Jahre 1900 beschreibt nämlich Baumgarten selbst seine ,,Fabrik" folgendermaßen: ,,Der ergebenst Unterzeichnete beabsichtigt sein als Kleinbetrieb an der Promenade belegene und daselbst ca. 50 Jahre sich ohne Störung der Nachbarschaft in Betrieb befindende MaschinenReparaturanstalt und MaschinenbauAnstalt nach dem ... in der sogen. ,Grünen Gasse` projectierten Neubau ... zu verlegen und zwar aus dem Grunde als der Raum in der alten Werkstatt sehr beengt und die Deckanlage (Raumhöhe zu gering MF) für den Riemenantrieb der Werkzeugmaschinen eine niedrige ist. Dieselben Hilfsmaschinen als ein 2 pferdestärkiger Gasmotor 2 Drehbänke 1 Hobel, 2 BohrMaschinen und Schmiedefeuer sollen in den neuen Räumen Aufstellung finden & ebenso auch dieselben Leute 4 Gehülfen 3 Lehrlinge vorläufig daselbst beschäftigt werden."31 In der Realität bedeutete ,,Fabrik" in diesem Fall also: 7 Leute, 5 Maschinen, eine Antriebsquelle. Die häufig geringe Größe der Firmen begünstigte das Fortbestehen patriarchalischer Verhältnisse. Das hatte zwei Seiten, positive wie negative. Einige Chefs vertraten den ,,Herr im Hause"Standpunkt mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. So wurden noch um die Jahrhundertwende Beschäftigten bei kleinen Vergehen Schläge angedroht oder bekam der Lehrling die Hundepeitsche zu spüren.32 Andere Fabrikanten hatten durchaus Verständnis für Sorgen und Nöte ihrer Arbeiter und zeigten soziales Engagement. So gab es bei Kurth und Dinglinger bereits seit 1877 Betriebskrankenkassen, welche bei Notwendigkeit entsprechende Kosten übernahmen. Zur Pflicht wurde derartiges erst im Rahmen der Bismarckschen Sozialgesetzgebung mit dem Krankenversicherungsgesetz vom 15.06.1883. Diesem folgend, gründeten dann auch Paschen (1890), Wagner (1893) und der Möbelfabrikant Naumann (1900) eigene Krankenkassen.33 ,, K ö t h e n e r wIrtschaftsKrIse" der VorKrIegsJahre Abb. 15 Klein, aber fein: Belegschaft der Maschinenfabrik Reinicke & Jasper um 1880 Die positive Gesamtentwicklung der Köthener Industrie aufgrund der Rahmenbedingungen des deutschen Kaiserreiches verhinderte jedoch nicht die Entstehung ,,hausgemachter" Probleme. Insbesondere die bereits erwähnten kurzen gesamtdeutschen ,,Konjunkturlücken" 14 ,, K ö t h e n e r wIrtsc h A f t s K r I s e " Der V o r K r I e g s J A h r e der Jahre 1901 / 02 und 1907 / 08 führten zu deren Zuspitzung und, im positiven wie im negativen Sinne, zu deren Lösung. Im Jahre 1912 kulminierte diese Krise in zahlreichen Konkursen Köthener Firmen bzw. der ,,Neuverteilung" wirtschaftlicher Macht in der Köthener Geschäftswelt. Die Köthener Banken kränkelten zuerst. Sonnenthal war bereits 1901 gezwungen, finanzkräftige Partner aufzunehmen und firmierte nun unter ,,Cöthener Bankverein Oscar Sonnenthal & Co.". Die AnhaltischDessauische Landesbank löste 1902 ihre Beziehungen zu Lüdicke & Müller und errichtete eine Köthener Filiale unter eigenem Namen. Die seit diesem ,,Partnerverlust" des Jahres 1902 wirtschaftlich schwer angeschlagene Bank ,,Lüdicke & Müller" wurde 1912 liquidiert. Die Verluste aus den diversen Konkursen Köthener Unternehmen führten ebenfalls 1912 zur Übernahme von Fürstenheim durch den Magdeburger Bankverein, der seinerseits 1918 von der Berliner DiscontoGesellschaft vereinnahmt wurde.34 Das größte Maschinenbauunternehmen Köthens, die Maschinenfabrik AG (vorm. Wagner) befand sich schon seit dem Jahre 1907 in einer ,,schweren wirtschaftlichen Krisis".35 Bis zum Jahre 1912 / 13 schrieb die Firma Verluste und zahlte keine Dividende. Ursache hierfür war die Geschäftspolitik der das Unternehmen auch als Aktiengesellschaft weiterhin beherrschenden Familie Wagner. Im Bestreben, die Firma zu vergrößern und mit ihr zu expandieren, war sie verantwortlich für überdimensionierte Neu und Erweiterungsbauten und missglückte Investitionen. Den übrigen Aktionären riss im Jahre 1912 der Geduldsfaden. Die Familie Wagner wurde entmachtet und war im neuen Vorstand und Aufsichtsrat nicht mehr vertreten. Auch die kleine Maschinenbaufirma Reinicke & Jasper ging im Jahre 1912 in Konkurs, wurde allerdings im Jahre 1913 vom hessischen Kommerzienrat Nebrich aufgekauft und unter seinem Namen fortgeführt. Ebenfalls im Jahre 1912 erschütterte dann noch ein ausgesprochener Wirtschaftskandal die Stadt Cöthen: ,,Die missliche geschäftliche Lage in hiesiger Stadt, die sich seit der Liquidation des Bankhauses Lüdicke & Müller auf immer weitere Kreise ausgedehnt und die Zahlungseinstellungen verschiedener Firmen mit sich brachte, hat jetzt wieder zum Zusammenbruch einiger alter Firmen geführt ... Namentlich der Zusammenbruch des Vorschussvereins ist zu beklagen, da dieses Institut vornehmlich im Dienste der Handwerksmeister stand ... Unter den obwaltenden Umständen hat sich auch die Firma Carl Stoeber veranlasst gesehen, ihre Zahlungen einzustellen und wird eine Liquidation anstreben ..."36 Der 1860 gegründete Vorschussverein zu Cöthen war eine eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht. Diese unbeschränkte Haftpflicht sollte sich als fatal erweisen. Die Gründung des Vereins erfolgte ,,behufs gegenseitiger Beschaffung der in Gewerbe und Wirtschaft nöthigen Geldmittel auf gemeinschaftlichen Credit gegründet"37, d. h., die kleinen Handwerks und Gewerbetreibenden versuchten unter Zusammenlegung ihrer Kreditfähigkeiten und würdigkeiten Gelder zu erlangen, welche der Einzelne nicht bekommen hätte. Entsprechend wichtig war das gemeinsame Vertrauen und die untereinander notwendige Ehrlichkeit und Seriosität. Nach zeitgenössischen Berichten hatten aber gerade diese Eigenschaften die zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs sowohl den Vorschussverein als auch eine Reihe Köthener Firmen beherrschenden Inhaber des kleineren Köthener 15 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Bankhauses Stoeber vermissen lassen. Es kam zu einer für die Stadt erdrutschgleichen Konkurswelle: 11.10.1912 Konkurseröffnung über den Vorschussverein 12.10.1912 Konkurseröffnung über die Mälzerei Thriesethau 18.10.1912 Konkurseröffnung über die Strohbach'schen Tiefbohrwerke 07.11.1912 Konkurseröffnung über das Bankhaus Stoeber (oHG) 26.11.1912 Konkurseröffnung über das Privatvermögen von Carl Stoeber 17.12.1912 Konkurseröffnung Kaufmann Wilhelm Fitzau. Den Mitgliedern des Vorschussvereins, ausschließlich einheimische Geschäftsleute, stand das Wasser bis zum Hals. Für viele ging es um Haus und Geschäft. Insgesamt hatten sie mit ca. einer Million Mark aus ihren Vermögen zu haften. Letztendlich standen so viele Schicksale reputierlicher Köthener Bürger auf dem Spiel, dass die Stadt Köthen und das Land Anhalt mit Darlehen helfend eingriffen. Zur Sicherheit wurden Hypothekenverpfändungen und Sicherheitshypotheken von mehr als 540.000 Mark bestellt. Die meisten Vereinsmitglieder kamen so mit einem, wenn auch ziemlich blauen Auge davon. Die relativ kleinen Köthener Firmen unterlagen im Ersten (wie auch später im Zweiten) Weltkrieg den mehr oder weniger drastischen Einschränkungen einer Kriegswirtschaft. Frauen, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ersetzten die Stammbelegschaften. Bei Wagner, wo bereits seit 1915 Frauen und Gefangene an den Maschinen standen, führte dies z. B. durch deren Unerfahrenheit bzw. Unwillen zum drastischen Maschinen und Materialverschleiß. Finanziell waren die Firmen gezwungen, bisher nicht notwendige Ausgaben für Kriegssteuer, Unterstützung der ,,im Felde stehenden" Belegschaftsmitglieder oder die Zeichnung von Kriegsanleihen (die Mälzerei AG zeichnete für 1 Million Mark Kriegsanleihe) zu erwirtschaften. Dies gestaltete sich umso schwieriger, da die gewohnten Rohstoffe und Materialien nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen zu beschaffen und zahlreiche Kunden, insbesondere die im ,,feindlichen" Ausland, nicht mehr erreichbar waren. d I e Köthener IndustrIe IM 1. weltKrIeg Die Folgen dieser ,,Köthener Wirtschaftskrise" wirkten noch nach, als sich die Geschäftswelt der Stadt schon mit den Anforderungen eines Weltkrieges konfrontiert sah. 16 Abb. 16 Kriegsanleihe der Köthener Sparkasse von 1918 D I e K ö t h e n e r InDu s t r I e Im 1. weltK r I e g Im Einzelnen sind folgende kriegsspezifische Produktionen der Köthener Firmen nachweisbar: Dinglinger drehte Granaten und bearbeitete HaubitzSchildzapfen. Bei Wagner wurden GraugussGranaten und 15 cmPressstahlgranaten gedreht und Einrichtungen für Pulver und Sprengstofffabriken sowie Zellulosewattemaschinen hergestellt. Die ,,reichlichen Heereslieferungen"38 lassen allein in einem Jahr (von 1914 auf 1915) den Umsatz um 750.000 Mark steigen. Gegen Kriegsende fertigte das Unternehmen sogar den Prototyp eines eigenen Panzerfahrzeugs. Die Actienbrauerei Cöthen lieferte ihre ABCBiere auch an das deutsche Heer, musste nach dem Krieg aber die mangelnde Qualität ihrer Kriegsprodukte selbst zugeben. Sie gestand ,,Absatzschwierigkeiten" wegen ,,mangelnder guter Rohstoffe" in den Kriegsjahren ein, verwies aber darauf, dass seit dem Geschäftsjahr 1919 / 20 wieder ,,Qualitätsbiere" hergestellt wurden.39 Die Mälzerei Wrede stellte während des Krieges u. a. Dörrgemüse her. Die Mälzerei Thriesethau produzierte Dörrgemüse und Fertigsuppen (Suppenwürfel). Die Melassebrennerei Horney & Krause stellte Glyzerinlaugen für die Dynamitproduktion her. Mitscherling & Boegel produzierte als ,,Heereslieferungen erster Ordnung"40 u. a. Teile für UBoote, Flugzeuge, Feldtelefone, Waffen und Munition. Die Chemische Fabrik von Musche war eingebunden in ,,direkte und indirekte Heereslieferungen".41 Die Köthener Möbelfabriken hatten ihr Produktionsprofil ebenfalls auf Kriegsbedarf umgestellt: Jähnig fertigte Patronen und Munitionskisten sowie Wagen, Hoffmann stellte Lazarettbetten, Munitionswagen und Stahlnabenräder her, Naumann produzierte Kisten und Wagen. Der Karosseriebauer Deissner stellte Aufbauten für militärisch genutzte Automobile her. Bemerkenswert ist das Engagement des bedeutenden Lastwagenherstellers Büssing aus Braunschweig im Köthen der Kriegszeit. In den Jahren 1917 und 1919 erwarb die H. Büssing oHG das Gelände im Industriegebiet Ratswall Dreiangel Augustenstraße, auf dem sich das bereits als ,,Heereslieferant" bezeichnete Anhalter Eisen und Stahlgusswerk, Firmeninhaber Theodor Mitscherling, befand. Die Firma wurde in Stahlgusswerk Büssing umbenannt und scheint gusseiserne Räder für die von der Front dringend benötigten ,,SchwerFahrzeuge" des Typs Büssing (überschwere LKW auf ,,geländetauglichen" Eisenrädern mit Stollen) produziert zu haben. Diese Kriegsproduktion erwies sich, trotz der mit ihrer Realisierung verbundenen Schwierigkeiten, zumindest für einige Köthener Firmen als profitabel. Insbesondere die ,,Maschinenbauer" profitierten: die Dividende bei Wagner stieg von 0 % (1913) auf 8 % (1917), bei Paschen im gleichen Zeitraum von 9 % auf 15 %.42 Diese Gewinne wurden jedoch, wie sich am Ende des Weltkrieges erwies, mit großen Opfern erkauft. Allgemein hatten Kriegsnot und Teuerung das Einkommen der Beschäftigten in den Köthener Betrieben drastisch verringert. Viele der eingezogenen Männer kehrten nicht zurück. So fielen von 109 eingezogenen Köthener Druckern 27 auf den Schlachtfeldern.43 Wenn dagegen aus der mehrere Hundert zählenden WagnerBelegschaft nur 15 Gefallene erwähnt werden44, so ist das auf die 17 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 ,,Kriegswichtigkeit" der Firma, verbunden mit häufiger Zurückstellung ihrer Arbeiter vom Kriegsdienst, zurückzuführen. n a c h K r I e g s z e I t und ,,goldene zwanzIger" Nach dem 1. Weltkrieg erlebten die Köthener Firmen eine Scheinblüte, deren Ursachen im Nachholbedarf jener Jahre lag. Die Kriegsproduktion wurde eingestellt, die Herstellung der ,,Friedenserzeugnisse" wurde wieder aufgenommen, alte Exportbeziehungen neu belebt. Hinzu kamen neue Geschäftsfelder, häufig im Zusammenhang mit Deutschlands Lieferpflichten aus dem Versailler Vertrag. So war die wesentliche Ursache für die Zahl von fast 800 Beschäftigten bei Wagner die im Jahr 1919 ,,in großem Umfange" aufgenommene ,,Reparatur von StaatsbahnLokomotiven und insbesondere Lokomotivkesseln".45 Der neue Fertigungszweig stand offensichtlich im Zusammenhang mit den deutschen Reparationsverpflichtungen. Bereits mit dem Waffenstillstandsabkommen vom 07.11.1918 war Deutschland u. a. zu Ablieferung von 5.000 Lokomotiven verpflichtet worden; der Versailler Vertrag sah noch einmal die Lieferung von 7.500 Lokomotiven durch Deutschland vor. Wagner scheint einen Beitrag zur Erfüllung dieser Pflichten geleistet zu haben. Auch wenn extra neue Gebäude für den Lokomotivbau errichtet werden mussten, die, nach eigenen Angaben der Firma ,,für normale Produktion unbrauchbar" und die Staatsaufträge auf 4 5 Jahre befristet waren46; so half es der Firma jedoch, relativ unbeschadet über die Zeit der Nachkriegsturbulenzen und der Inflation zu kommen. Obwohl die Unternehmen generell über die ,,unsichere und schwankende" Lage nach ,,Ausbruch der Revolution" klagten47, war die konkrete Situation in Köthen relativ ruhig. Streiks der Arbeiter verschiedener Firmen hatten ihre Ursache weniger in den politischen Verhältnissen als vielmehr in dem durch die schlechte Versorgungslage begründeten Lebensmittelmangel. So kam es am 04. Juli 1919 zu einem Krawall, bei dem etwa 100 Personen, angeführt von WagnerArbeitern, durch die Stadt zogen und die Läden einiger Kaufleute plünderten. Die am 21. August 1920 nur 15 Stunden existierende ,,Köthener Räterepublik" hatten keinen gravierenden Einfluss auf die Geschäftswelt der Stadt. Politische und ökonomische Unsicherheiten kennzeichneten im Jahr 1923 die junge Weimarer Republik. Hitler putschte (noch) erfolglos in München, Frankreich besetzte das Ruhrgebiet und auch in Sachsen und Thüringen tobten Kämpfe. Seit etwa August 1922 hatte ein Verfall der deutschen Währung eingesetzt, im Januar 1923 wurde der Dollar als krisenfeste Devise schon mit 18.000 Mark gehandelt, um dann am 22.10.1923 den astronomischen Wert von 40 Milliarden Mark zu erreichen. Erst mit der neuen Währungsordnung vom 15.11.1923 war die Inflation beendet; der Kurs der neuen ,,Rentenmark" wurde mit 1 : 1 Billion Papiermark festgesetzt. Insbesondere die Mittelschichten, gutverdienende Arbeiter und Angestellte, Handwerker, kleine und mittlere Unternehmer verloren ihre Vermögen. In Köthen, in welchem eben jene Bevölkerungsschichten die Mehrheit der Einwohner stellten, gab es während 18 n A c h K r I e g s z e I t unD ,,golDene zwAnzIger" und nach der Inflation Reaktionen auf die Krise, die generell in der gesamten Republik zu beobachten waren. Die etablierten Köthener Unternehmen, insbesondere die des Maschinenbaus, kamen einigermaßen unbeschadet durch jene Zeit. Trotzdem hatte auch ihr Kapital inflationsbedingt ungeahnte Höhen erreicht; die Grube Leopold (Bergbau / Chemie, früher Edderitz, dem Einflussbereich der AEG angehörend) hatte 1923 ihr Grundkapital auf 198.000.000 Mark erhöht, Wagner auf 21.000.000 Mark (um es dann 1924 auf ,,solide" 3.005.000 Goldmark umzustellen). Die Zuckerfabrik Köthen machte im Geschäftsjahr 1922 / 23 selbst für sie ungewöhnliche 16.558.164 Mark Gewinn (in den Vorjahren lag dieser meist im sechsstelligen Bereich ) leider nur Papiermark. Eine Ursache für das glimpfliche Überstehen der Inflation durch die Köthener ,,Großen" dürfte deren Export, verbunden mit der Einnahme harter Devisen, gewesen sein. Die kleineren Firmen der Stadt traf es härter. So versuchte die Familie Wittig mit ihrer traditionsreichen ,,GesundheitsKaffee"Fabrik kurz nach der Inflation durch die Gründung einer ,,Elweco" genannten (Louis Wittig & Co.) Aktiengesellschaft (Grundkapital am 15.12.1923: 61.000.000 Mark, am 19.02.1924 erhöht auf 130.000.000 Mark) wieder finanziellen Spielraum zu erhalten. Die Firma ging trotzdem pleite, das Fabrikgebäude wurde dann Ende der 20er Jahre zum Heimatmuseum umgebaut. Auch typische Inflationsgründungen teils Schwindel, teils der Versuch, über die Absicherung mit Sachwerten kreditfähig zu werden oder zu bleiben gab es in Köthen. In erstere Kategorie dürfte die im August 1923 in Köthen gegründete ,,Friedrich Bergbau und Industrie AG" mit einem Grundkapital von 5 Mio. Mark, dies entsprach ganzen 5 Dollar, gehören. Der ,,Förderung und Finanzierung von Geschäften in landwirtschaftlichen Erzeugnissen" (also durchaus zur Köthener Gegend passend) sollte die am 20.09.1923 mit Sitz in der Dr. Krausestraße 31 gegründete Anhaltische Getreidebank AG dienen. Aber auch ihr Aktienkapital von 1.515.000.000 Mark bewahrte sie nicht davor, bereits 1925 nicht mehr zu existieren. Abb. 17 Aktie der (kurzlebigen) Getreidebank Anhalt von 1923 Kurioserweise gab es allerdings in jenem Jahr Geld in Köthen genug allein die Stadt selbst gab vom 05.10.1923 bis zum 31.01.1924 Notgeld im Wert von 15.566.118.000 Billiarden Mark heraus. Die Druckerei Schettler durfte sogar als Auftragnehmer der Reichsdruckerei selbst Geld drucken noch heute kann man im Fachhandel oder anderswo die mit ,,SC" (Schettler Cöthen) gekennzeichneten Geldscheine finden. Schettler war, neben der Reichsdruckerei, eine 19 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 von insgesamt 144 Druckereien in Deutschland, die im Jahre 1923 unmittelbar und mittelbar für die ,,Papiergeldversorgung" tätig waren.48 Nach der Währungsstabilisierung versuchten die Köthener Unternehmen auf unterschiedlichste Weise, ihre Lage zu konsolidieren, was dringend notwendig war. Die staatlichen Kontingentierungen in der Zucker und Malzindustrie führten zur wirtschaftlichen Stagnation in den Köthener Zuckerfabriken und bei der Mälzerei AG. Die Schwierigkeiten der Zuckerfabriken übertrugen sich auf die Hersteller von Ausrüstungen für diese Paschen und Dinglinger. Wagner geriet nach Auslaufen der Verträge für den Lokomotivbau in wirtschaftliche Kalamitäten. Eher kurios, wenn auch nicht weniger bedrohlich, waren da Ursachen für sinkende Umsätze bei der Köthener Actienbrauerei und dem Spirituosenhersteller Behr: die um sich greifende Abstinenzler und die Sportbewegung sorgten für schrumpfenden Schnapsund BierAbsatz.52 Die Firmen beschritten vor allem zwei Wege, um sich zu sanieren: Wirtschaftliche Zusammenschlüsse oder Expansion. Von 1921 bis 1928 versuchte die Mälzerei AG (vorm. Wrede) durch den Verbund mit anderen Mälzereien ihre wirtschaftliche Lage zu stabilisieren, sie wurde Mitglied der ,,EIVA" (Erste InteressenVereinigung deutscher Malzfabriken). Sichtbare Erfolge der Zusammenarbeit blieben offensichtlich aus, so dass man sich bei Wrede für den Weg der Expansion entschied: Mälzereien in Oschersleben und Giersleben wurden erworben, ebenso Beteiligungen z. B. an zwei süddeutschen Mälzereien. Die Zuckerfabriken AltKöthen und Holland hofften, in der ,,Vereinigung mitteldeutscher Rohzuckerfabriken" mit Sitz in Halle a. d. Saale (dem sogenannten HalleRositzHollandKonzern) zu überleben. Abb. 18 In der Druckerei Schetter gedruckter Inflationsgeldschein An den Folgen der Inflation am meisten zu tragen hatten die Arbeiter der Köthener Firmen. Ihre Löhne, obwohl nominell immer höher (So betrug der niedrigste Grundlohn bei Paschen ab 01.12.1923 200 Milliarden Mark pro Tag49), waren zuletzt schon Stunden später nichts mehr wert. Auch vehemente Streiks halfen da wenig. Diese Streiks trugen jedoch Köthen den Ruf ein, die Stadt mit den ,,schlechtesten Arbeiterverhältnissen" in Deutschland zu sein, in welcher ,,Arbeiterterror"50 herrsche. Die Stadtverwaltung hatte Mühe, dieses Bild zu korrigieren und versicherte Geschäftsleuten von außerhalb: ,,Cöthen ist schon früher und auch jetzt noch ein Platz, wo die kommunistischen Ideen im Gegensatz zu anderen Städten ... verhältnismäßig wenig in Erscheinung treten."51 In der Tat hatte die KPD in der Stadt nur ca. drei Dutzend Mitglieder, die Arbeiter der Köthener Betriebe bildeten ein stabiles Wählerpotential der SPD. 20 D I e letzten JAh r e Der weImArer r e p u b l I K In kleinerem Maßstab expandierte auch der Maschinenbauer Paschen. Die Firma übernahm zum 01.01.1929 Betriebsteile des Magdeburger Konkurrenten ,,Rudolph & Co". Alle Sanierungs und Expansionsbestrebungen waren aber nur mit kapitalkräftigem Hintergrund zu meistern. Eine Voraussetzung, die in Köthen nicht zu finden war. Einheimische Wirtschaftskreise verloren immer mehr an Einfluss. Deutschlandweit agierende Großunternehmen und kapitalkräftige Einzelpersonen bzw. Unternehmerfamilien übernahmen die Kontrolle der bedeutendsten Köthener Firmen. Wagner & Co., wo bisher der Köthener Lackfabrikant Lührs bedeutendster Hauptaktionär war, geriet Mitte der 20er Jahre in den Einflussbereich des in jener Zeit in einem Atemzug mit den legendären Hugo Stinnes und Friedrich Flick genannten Börsenspekulanten Jacob Michael. Bei der Druckerei Schettler, welche am 03.03.1923 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, übernahm die Leipziger Textilindustriellenfamilie Stöhr einen bedeutenden Anteil des Kapitals und die wirtschaftliche Führung. Anfang des Jahres 1928 verkauften mehrere Köthener Familien die ihnen bis dahin gehörende Mehrheit des Kapitals der Aktienbrauerei an den Berliner Brauereikonzern Engelhardt. Die letzte, größte und älteste Köthener Privatbank, B.J. Friedheim wurde im Jahre 1926 von der Commerzund Privatbank, Berlin, übernommen und als deren Filiale weitergeführt. Großbanken wie die Deutsche Bank und die ADCA beobachteten detailliert die Entwicklung der Köthener Firmen und nahmen, je nach ihrer Interessenlage, Einfluss auf sie berührende Vorgänge. Indiz dafür ist die Besetzung der Aufsichtsgremien Köthener Firmen, in denen nunmehr nicht nur Lokalgrößen, sondern auch deutschlandweit bekannte Persönlichkeiten Platz nahmen: So saß im SchettlerAufsichtsrat seit 1923 der Leipziger Hofrat Horst Weber, stellvertretender Vorsitzender des ,,Reichsverbandes deutscher ZeitschriftenVerleger", bei Wrede hatte seit 1922 das mächtige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Gustaf Schlieper ein Aufsichtsratsmandat inne. Von den Köthener ,,Großen" waren im Ergebnis der ,,goldenen Zwanziger" nur noch Dinglinger und Kurth (wobei beide Familien und Firmen durch Heirat mittlerweile eng verbunden waren) reine Familienbetriebe. d I e letzten Jahre der weIMarer republIK Ende der 20er Jahre mit ihren politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen, geriet die Köthener Industrie, genau wie die Deutschlands und der Welt, immer stärker in Schwierigkeiten. Die mit dem ,,Schwarzen Freitag" an der New Yorker Wallstreet (24.10.1929) beginnende Weltwirtschaftskrise warf ihre Schatten auch auf das anhaltische Köthen. Die zum mächtigen AEGKonzern gehörende Grube Leopold verlegte zum 28.04.1930 ihre Hauptverwaltung von Köthen nach Bitterfeld. Für die Köthener Zuckerfabriken gab es auch im Verbund mit den anderen mitteldeutschen Zuckerfabriken keine Perspektive, AltKöthen wurde 1931, die Zuckerfabrik 21 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Abb. 19 / Abb. 20 Abriss der Zuckerfabrik Holland Juni 1933 Holland 1933 abgerissen. Ein für Köthen prägender und traditionsreicher Wirtschaftszweig hörte auf zu existieren. Im Dezember 1932 wurden Pläne der Maschinenfabrik Wagner, nach Düren zu ziehen und in Köthen nur die Gießerei mit 20 bis 25 Beschäftigten zu belassen, öffentlich und lösten hektische Aktivitäten bei der Stadtverwaltung aus. 22 Am 23.12.1932 teilte die Stadtverwaltung der Regierung Anhalts ihre Befürchtung mit, dass die bei Wegzug entlassenen WagnerArbeiter von der Stadt als Erwerblose ernährt werden müssten und dies angesichts der Tatsache ,,dass ... Köthen bereits seit längerer Zeit relativ die höchste Zahl an Erwerbslosen in Anhalt hat."53 Die Lage der Stadt sei prekär, da ,,die hier ansässige Industrie fast nur noch aus ... Wagner ... besteht ...".54 m A c h t e r g r e I f u n g Du r c h DIe nAtIonAlsozIAlIsten Köthens Verwaltungsspitze reagierte entsprechend schnell und konnte auch die Anhaltische Landesregierung bewegen, einen Beitrag zum Standorterhalt zu leisten. Wagner wurden von der Stadt Zugeständnisse beim Preis von Strom und Wasser sowie bei der Höhe der Gewerbesteuern gemacht, die Anhaltische Landesregierung gewährte Subventionen. Im Februar 1933 war es erst einmal amtlich: Wagner blieb (vorerst) in Köthen. Auch ohne den Wegzug von Wagner war für Köthen in der Folge der oben geschilderten Firmenschließungen bzw. wegzüge den Verlust Hunderter Arbeitsplätze zu konstatieren. Die Stadtverwaltung versuchte daher seit Ende der 20er Jahre mit allen Mitteln, Firmenansiedlungen in Köthen herbeizuführen. Interessenten kam man beim ,,Geländepreis und sonst in jeder Weise bis an die Grenze des Möglichen"55 entgegen. Die Stadt inserierte in überregionalen Zeitungen und bot Gewerbegrundstücke an, auf entsprechende Suchanzeigen wurde ebenfalls geantwortet. Oberbürgermeister Damerow bemerkte zu den Ursachen der Situation: ,,Köthen ist infolge kurzsichtiger Politik der Stadtverwaltung vor dem Kriege hinsichtlich der Ansiedlung von Industrie etwas zu kurz gekommen."56 Der Erfolg der ,,Wirtschaftsförderung" war eher gering. Pläne für spektakuläre Ansiedlungen wie der BASF / IG Farben, geplant war das größte Zentrallager für Düngesalze in Mitteldeutschland, zerschlugen sich rasch. Im Oktober 1931 veränderte die Stadt Köthen die Rechtsform des von ihr betriebenen Elektrizitätswerkes und gründete die ,,Elektrizitätswerk Köthen AG". M a c h t e r g r e I f u n g durch dIe natIonalsozIalIsten Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. In Köthen vollzog sich der Machtwechsel mit dem Amtsantritt des der NSDAP angehörenden Oberbürgermeisters Richard Hengst. Die Zahl der Arbeitslosen in der anhaltischen Stadt betrug in diesem ersten Quartal des Jahres 5.733, was bei einer Bevölkerung von 26.696 Personen einer Erwerbslosenquote von 21,25 % entsprach. An der z. T. prekären wirtschaftlichen Lage der Köthener Unternehmen änderte die Machtergreifung der Nationalsozialisten vorerst nicht viel, wohl jedoch an den personellen und Besitzverhältnissen. Politisch und ,,rassisch" suspekte Personen wurden aus Firmen und deren Gremien entfernt, jüdische Inhaber bzw. Gesellschafter mit immer gravierender werdenden Druck enteignet. So teilte die Maschinen und Werkzeugfabrik AG, vorm. Aug. Paschen, der Stadt Köthen am 15.06.1933 mit: ,,Die Mitglieder des Vorstandes der Betriebskrankenkasse unserer Firma haben ihr Amt niedergelegt ... Beiliegend eine Vorschlagsliste für den neuen Vorstand ... Personen nichtarischer Abstammung sind ... nicht enthalten ... Politisch unzuverlässige Personen habe ich nach bestem Ermessen ausgeschaltet ..."57 Sally und Felix Friedheim verloren 1936 ihre Aufsichtsratsitze bei Paschen, der als Vertreter der Allgemeinen Deutschen Creditanstalt (ADCA) bei Schettler im Aufsichtsrat sitzende ,,nichtarische" Wilhelm Weissel sein Mandat bereits im Jahre 1935. 23 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Die Banken, bei denen die Anteilseigner der Köthener Unternehmen Wagner und Paschen ihre Aktien deponiert hatten, ermittelten systematisch die Höhe des ,,jüdischen" Besitzes. So wurde bei Wagner im Juli 1938 festgestellt, das dieser ,,etwa 2 3 % ausmacht".58 In Kenntnis oder Ahnung kommender Ereignisse wurde dazu vermerkt: ,,Es ist ... zu berücksichtigen, dass sich die Besitzverhältnisse ... ändern können und zu Ungunsten des jüdischen Besitzes auch ändern werden."59 Verleumdungen von Angehörigen der Druckereibesitzerfamilie Dünnhaupt als ,,Halbjuden" sorgten für den entsprechenden Nachdruck bei der Forderung, Druck und Verlag des (bisher Dünnhaupt'schen) ,,Köthener Tageblatts" an die NSDAP direkt zu übergeben. Im Rahmen der ,,Gleichschaltung" der Presse wurde das ,,Tageblatt" am 01.01.1936 eingestellt und durch die im nationalsozialistischen TrommlerVerlag erscheinende Tageszeitung ,,Der Mitteldeutsche" ersetzt.60 Auch die 1769 gegründete ,,Köthensche Zeitung" ging in die Verfügungsgewalt der Nationalsozialisten über. Die Besitzverhältnisse bei der Köthener Brauerei änderten sich ebenfalls durch ,,Arisierung". Der Mehrheitsaktionär der Berliner EngelhardtBrauerei (welche ihrerseits Mehrheitsaktionär bei der Actienbrauerei Cöthen war), der Jude Ignaz Nacher, wurde in den Jahren 1933 / 34 mit falschen Beschuldigungen, juristischen Tricks und blanker Gewalt gezwungen, seine Anteile in ,,arische Hände" abzugeben.61 Viele Firmen Köthens hofften nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten auf Rüstungsaufträge. Der (Wieder) Einstieg ins Rüstungsgeschäft gestaltete sich jedoch schwierig. Die bereits 1934 erfolgte Bitte des Unternehmers Dinglinger an das Heereswaffenamt in Berlin, die Firma in die Lieferantenliste aufzunehmen, wurde ,,unter 24 Berücksichtigung des begrenzten Heeresbedarfs"62 abgelehnt. Die Anhaltische Industrie und Handelskammer war noch ein Jahr später ,,mit der Prüfung der Frage beschäftigt, ob es zurzeit nicht möglich ist, die Firmen (Köthens MF) in das Wehrprogramm einzuschalten, was bei der Firma Schulze & Naumann (Blechscheren, z. B. für die Werftindustrie MF) schon bis zu einem gewissen Grade geschehen ist".63 Nicht nur die Unternehmen, auch die Stadtverwaltung sah, die Zeichen der Zeit erkennend, in der Rüstungsindustrie die Grundlage für einen Aufschwung. Anfang 1935 gelang der ,,große Wurf". Die nach dem Hinauswurf ihres Gründers, des Erfinders Hugo Junkers, zu einem wesentlichen Träger des deutschen Luftaufrüstungsprogrammes ausgebauten Dessauer Junkerswerke waren bereit, in Köthen ein Zweigwerk zu errichten. Da die Geschäftsleitung der WagnerWerke (wieder einmal) konkrete Pläne für eine Umsiedlung des Unternehmens hatte, brauchte die Stadtverwaltung beide Partner nur noch zusammenzubringen. Wagner erhielt einen beträchtlichen Kaufpreis für seine Anlagen, Junkers konnte auf dem ehemaligen WagnerGelände relativ schnell die Produktion aufnehmen. Für die Stadt Köthen und ihre Geschäftswelt war diese Ansiedlung die Initialzündung zu einem auf Rüstungswirtschaft und Militär gegründeten Aufschwung. Die kleineren Maschinenfabriken der Stadt sahen, zumindest am Anfang, die JunkersAnsiedlung mit gemischten Gefühlen. Sie konnten nicht mit den vom staatswichtigen Betrieb gezahlten Löhnen mithalten und fürchteten die Abwanderung ihrer erfahrenen Facharbeiter. Auch wenn dieser Effekt hier und da eintrat, profitierten letztendlich D e r 2. weltK r I e g direkt oder indirekt viele Firmen von der Großinvestition des Dessauer Konzerns in Köthen. d e r 2. weltKrIeg Der am 01. September 1939 beginnende Überfall Deutschlands auf Polen eröffnete den Zweiten Weltkrieg. Die Eröffnung der Kampfhandlungen führte zwangsläufig zur Stärkung der Stellung von Rüstungszentren, wie Köthens eines war, im staatlichen Wirtschaftsgefüge des Dritten Reiches. Der wichtigste Rüstungsproduzent der Stadt war unstreitig das Werk Köthen der JunkersMotorenbau GmbH auf dem ehemaligen WagnerGelände. In den 40er Jahren zählte der Betrieb bis zu 8.000 Beschäftigte, darunter allerdings zahlreiche ,,Fremd" bzw. Zwangsarbeiter. Einige Köthener Firmen fungierten als Zulieferer von Junkers: Nebrich stellte Transportwagen für die Motoren her, die Chemische Fabrik Jacobi & Co. (ehemals Musche) bereitete für die Junkerswerke Altöl in ihrer ,,Ölrückgewinnungsanlage" auf. Auch andere Firmen der Stadt arbeiteten nach Ausbruch des 2. Weltkrieges im Jahre 1939 für die (nunmehr unbegrenzten) Bedürfnisse der Streitkräfte bzw. der Kriegswirtschaft: Deissner stellte neben Karosserieaufbauten auch Munitionskisten, Sendeanlagen, Schlitten, Spezialanhänger für die Deutsche Post her und baute so genannte ,,Beutefahrzeuge" für militärische Zwecke um. Beck & Lührs stellte Tarnfarben her. Die Anhaltische Kakao und Schokoladefabrik (Gerhardt) fertigte als Kriegsprodukte Erbsmehl und KaffeeErsatz. Die Holzbearbeitungsfirma Naumann hatte schon vor Ausbruch des Weltkrieges die Wehrmacht mit Spinden beliefert. Im Krieg selbst produzierte sie Schlitten, Munitionskisten und Gewehrschäfte. Kleineren Köthener Firmen, welche selbst nicht ,,kriegswichtig" und auch nicht in der Lage waren, entsprechende ,,Ausweichprodukte" herzustellen, wurde allerdings durch kriegsbedingte Restriktionen nach und nach die Existenzgrundlage entzogen. So existierte der alteingesessene Köthener Spirituosen und Essighersteller Wilhelm Behr in den letzten Kriegsjahren nur noch als kleine Handelsfirma, zudem mit zwei anderen Köthener Händlern als ,,Kriegsbetriebsgemeinschaft".64 Die Stadt Köthen selbst fasste, staatliche Zentralisierungsbestrebungen innerhalb der Wirtschaft nachvollziehend und die mit der ,,Deutschen Gemeindeordnung" von 1935 eröffneten neuen kommunalwirtschaftlichen Möglichkeiten nutzend, ihre Versorgungsbetriebe zusammen. Die Elektrizitätswerk Köthen AG wurde im März 1939 in ,,Stadtwerke Köthen AG" umbenannt, das städtische Wasserwerk im April 1939 und die Gasversorgung im Januar 1941 in das neue Unternehmen eingegliedert. Das Köthen (leider) eine gewisse Wichtigkeit als Standort der Rüstungsproduktion in Mitteldeutschland beanspruchen konnte, wurde den Einwohnern der Stadt durch die Bombardierungen des JunkersMotorenwerkes am 20.07.1944 und der Firma Dinglinger am 16.08.1944 schmerzlich bewusst. Die Industrieanlagen der genannten Unternehmen waren bis zu 90 % zerstört. 25 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Abb. 21 Abb. 22 Abb. 23 | | Abb. 24 Abb. 25 Zerstörte Firmen in Köthen nach den Luftangriffen 26 K ö t h e n eIne InDu s t r I e s t A D t Auch Industrielle, welche enge Beziehungen zu Köthener Firmen hatten, waren in die Ereignisse um das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verwickelt. An prominentester Stelle ist hier der Leipziger Textilindustrielle Walter Cramer zu nennen, welcher von 1923 bis 1944 Mitglied des Aufsichtsrates der Schettler AG war. Eng bekannt mit Carl Goerdeler hatte er sich bereit erklärt, nach dem Umsturzversuch die hochrangige Position des ,,Politischen Beauftragten" für Sachsen zu übernehmen. Cramer wurde am 22. Juli 1944 festgenommen, zum Tode verurteilt und am 14.11.1944 in BerlinPlötzensee hingerichtet.65 Eine eher undurchsichtige Rolle spielten die 1942 bis 1944 als Vorstände der Otto Mogk GmbH in Köthen fungierenden Herrmann Lindemann und Karl Marks. Hermann Lindemann war ein weitläufiger Verwandter des zur Spitze des militärischen Widerstandes gegen Hitler zählenden Generals der Artillerie Fritz Lindemann. Marks und Hermann Lindemann wurden von dem General, welcher sich nach dem gescheiterten Attentat auf der Flucht befand, um Hilfe gebeten. Beide bezogen jedoch keine klare Position. General Fritz Lindemann wurde schließlich am 03.09.1944 verhaftet und verstarb aufgrund der dabei erlittenen Schussverletzungen am 22.09.1944. Hermann Lindemann wurde wegen seiner Kontakte zu seinem Verwandten zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren ,,Ehrverlust" verurteilt; der noch stärker belastete Marks wurde zum Tode verurteilt und noch am 22. April 1945 in Berlin erschossen.66 Abgesehen von den Schäden durch die zwei Bombardierungen der Stadt überstanden die Firmen Köthens den Weltkrieg mit unbeschädigten Industrieanlagen. Schwie rigkeiten ergaben sich jedoch auch für sie aus dem allgemeinen Mangel an Personal und Material. Als weitere unmittelbare Kriegsfolge wurden auch in Köthen besonders in der Rüstungswirtschaft engagierte Firmen (Junkers / Paschen / Kurth / Nebrich) auf Befehl der seit dem 02. Juli 1945 in der Stadt herrschenden sowjetischen Besatzungsmacht demontiert und die Anlagen als Reparation betrachtet. Die ,,Vertreter der Köthener Industrie" konnten am 06. Juli 1945 gegenüber dem russischen Kommandanten Bogdanow und dem neu eingesetzten Oberbürgermeister Elstermann durchaus von noch vorhandenen Produktionskapazitäten, welche im wesentlichen nur von Rohstoffmangel und fehlenden Transportmöglichkeiten eingeschränkt wurden, berichten.67 Die kommenden Zeiten würden jedoch anders werden, dass war sowohl den Köthener Geschäftsleuten als auch der deutschen Verwaltungsspitze klar. Deutschland war besiegt, Köthen Bestandteil der sowjetischen Besatzungszone. Der Oberbürgermeister formulierte die Aussichten diplomatisch, aber treffend: ,,Unser ganzes Tun wird in Zukunft mehr ein Dienen als ein Verdienen sein ...".68 K ö t h e n eIne IndustrIestadt ? Köthen besaß zeitweise eine florierende Industrie als Industriestadt ist sie dennoch bis 1945 nicht zu bezeichnen. Oberbürgermeister Elstermann sah dies auf der bereits erwähnten Besprechung mit Vertretern der Köthener Geschäftswelt am 06.07.1945 so: ,,Wenn unsere Stadt auch kein Industrieort im hergebrachten Sinne ist, so ist doch Gewerbe und Großgewerbe vorhanden ..."69 27 D I e e n t s t e h u n g De r Köt h e n e r I n D u s t r I e unD Ih r e entwIc K l u n g b I s 1945 Jahr 1878 (a) 1881 (a) 1886 (a) 1894 (a) 1904 (b) 1912 (c) 1929 (d) 1930 (d) 1938 (e) Anzahl ,,gewerblicher" Institute 29 41 110 84 53 47 27 27 (2 ×) (2 ×) (1 ×) (1 ×) Anzahl der Arbeiter 1.065 1.226 1.422 1.884 2.183 2.266 2.402 2.169 4.750 (3 ×) (3 ×) Einwohnerzahl Köthens 14.403 16.155 17.591 20.463 22.978 23.347 26.682 26.778 34.393 (1939) (1895) (1905) (1875) (1880) Anteil Arbeiter an Einwohnerzahl in % 7,39 7,59 8,08 9,21 9,50 9,71 9,00 8,10 13,81 Tabelle 2 1 × mit einigen Handwerksbetrieben 2 × Quelle gibt die Daten von Groß und Mittelbetrieben an, einige Köthener Firmen also nicht erfasst 3 × mindestens Die Angaben wurden aufgrund folgender Quellen berechnet: a ) StAK, Akte 7 / 1004 / H 5 ,,Gewerbliche Anlagen 1878 1908" b) Emil Weyhe: Landeskunde des Herzogtums Anhalt, Bd. II, Dessau 1907, S. 354 c ) Bericht über die Verwaltung und den Stand der GemeindeAngelegenheiten der Stadt Cöthen 1912, S. 47 d ) Fritz Voigt: Die Entwicklung und der Stand der anhaltischen Industrie. Dissertation, Halle 1933, Anhang e) Verschiedene Quellen: Angaben einiger Köthener Industriebetriebe zu ihren Beschäftigtenzahlen / Junkers wurde mit 4.000 Beschäftigten einbezogen Der Anteil der Arbeiterschaft an der Einwohnerzahl betrug, wenn man die verfügbaren Zahlen aus Kaiserreich, Weimarer Republik und nationalsozialistischen Jahren betrachtet, nie mehr als knappe 10 %. Eine Ausnahme bilden die fast 14 % zur ,,Blütezeit" Köthens als nationalsozialistischer Musterstadt und Rüstungsproduktionsstandort. Rechnet man noch Familienangehörige hinzu, lebten im untersuchten Zeitraum ca. 30 40 % aller Köthener direkt von der Industrie. 28 A n h A n g grü n D u n g s D A t e n K ö t h e n e r fIr m e n anhang g r ü n d u n g s d a t e n Köthener fIrMen 1720 Bunge & Sohn (Lederfabrik) 1769 ,,Köthensche Zeitung" 1831 Wilhelm Behr (Spirituosen) 1843 Hoffmann & Müller (Seifenfabrik) 1849 W. Streuber (Spedition) 1850 Druckerei Schettler 1850 Rudolf Dinglinger (Ursprungswerk) 1851 Albert Baumgarten (Maschinenfabrik) 1852 Fitzau (Seifenfabrik) 1854 Gustav Buchheim (Kaffee, Konserven etc.) 1856 Zuckerfabrik AltKöthen 1860 Dambacher (Brauerei) 1860 Wagner & Co. (Thiel) 1860 Louis Wittig & Co. (Kaffee) 1861 Gebrüder Behr (Spritfabrik) 1863 Kurth (Kesselfabrik) 1863 Zuckerfabrik Holland 1863 August Paschen (Maschinenfabrik) 1863 Vereinsziegelei Umlauf & Co. 1864 Heinrich Gast (Färberei / Reinigung) 1865 Wernecke & Tauscher (Maschinenfabrik) 1866 Mälzerei Wrede 1867 Schilling (Brennerei) 1869 Druckerei Wulfert 1869 Koch & Comp. (Presskohlenfabrik) 1870 F.A. Schreiber (Kräuterspezialitäten) 1870 E. Bahn (Möbelfabrik) 1871 Mogk (Ursprungsfirma Pahl älter / Leimfabrik) 1871 Dralle & Krieg 1872 Gustav Buchheim (Kaffee, Konserven etc.) 1872 Reinicke & Jasper (Maschinenfabrik, später Nebrich) 1872 Otto Hoffmann (Möbelfabrik) 1874 Deissner & Sohn (Karosseriefabrik) 1874 Horney & Krause (Ursprung Schilling / Brennerei) 1874 Wilhelm Naumann (Holzverarbeitung) 1875 Eduard Hadert (Spedition) 1875 Thriesethau & Co. (Mälzerei) 1878 Köthener Dampfziegelei, vorm. Richard Schliebitz 1882 Ferdinand Plenz (Fabrik für Eisenbau) 1883 Actienbrauerei Köthen (Vorgänger: Dambacher) 1886 Herm. Jähnig (Möbelfabrik) 1887 Dünnhaupt (Vorgänger: Wulfert) 1889 Mälzerei AG, vorm. A.Wrede 1890 Chemische Fabrik Köthen (Musche) 1890 Chemische Fabrik Aue bei Zeitz (Werk Köthen) 1892 Dampfziegelei H. Helmstädt 1895 Beck & Lührs (Vorgängerfirmen seit 1892) 1896 Schulze & Naumann (Maschinenfabrik) 1898 Ziegelei Simon Neuwohner 1899 Mitscherling & Boegel (Präzisionszieherei) 1904 Hans Irmer (Konserven / Fruchtsäfte) 1912 Gerhardt (Schokoladenfabrik) 1918 Adolf Beck (Maschinen und Armaturenfabrik, Gelbgießerei ) 29 AnhAng g r ü n d u n g s d a t e n Köthener aKtIengesellschaften Name Zuckerfabrik zu Cöthen AG Tyroler BergbauGesellschaft Zuckerfabrik Holland AG Vereinsziegelei (Aktienverein ??) Anhaltische BergwerkVerein AG Actienbrauerei Cöthen Mälzerei AG, vorm. A. Wrede Grube Leopold AG, Edderitz bei Cöthen Maschinenfabrik Cöthen AG, vorm. Wagner & Co. Maschinenfabrik Paschen AG Cöthener Parkbau AG, Berlin Paul Schettlers Erben AG Hoffmann & Müller AG (Seifenfabriken) Getreidebank Anhalt AG AG für WarenGroßhandel Friedrich Bergbau und Industrie AG Dr. Bopp Apparatebau AG, Cöthen Geuz, Abteilung Saeger & Co. Elwecowerk Louis Wittig & Co. AG Holz und Metallkunst AG Elektrizitätswerk Köthen AG Stadtwerke Köthen AG (Umwandlung der Elektrizitätswerk Köthen AG) Gründungsdatum 07.12.1855 / 24.05.1856 08.07.1856 04.04.1863 11.05.1863 ? 20.01.1883 07. / 15.03.1889 07.11.1889 01.10.1890 17.12.1897 01.06.1901 03.03.1923 17.03.1923 20.09.1923 18.09.1923 August 1923 02.11.1923 14.11.1923 14.12.1923 24.10.1931 01.04.1939 Gründungskapital 92.000 Taler 600.000 Taler ? ? ? 255.000 Mark 1.500.000 Mark 3.000.000 Mark 500.000 Mark 750.000 Mark 94.000 Mark 24.000.000 Mark 20.900.000 Mark 1.515.000.000 Mark 100.000.000 Mark 1.515.000.000 Mark 100.000.000 Mark 61.000.000 Mark 160.000 Mark 320.000 Mark 320.000 Mark Tabelle 3 anMerKungsVerzeIchnIs Wichtige Unterlagen und Angaben zur Industriegeschichte der Stadt Köthen und den in der Stadt ansässigen Unternehmen befinden sich in folgenden Archiven bzw. entstammen folgenden Nachschlagewerken, welche abgekürzt genannt werden: HDAG Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, erstmalig erschienen 1896 / 97 HIDB Historisches Institut der Deutschen Bank, Frankfurt / Main StAK Stadtarchiv Köthen. Detaillierte Angaben zur Statistik der Unternehmen finden sich in der Akte 7 / 1004 / H 5 ,,Gewerbliche Anlagen 1878 1908" im Köthener Stadtarchiv. Als ,,Standardwerke" für die Geschichte der Industrie und des Bankwesens in Anhalt allgemein und in Köthen speziell können angesehen werden: Fritz Voigt: Entwicklung und der Stand der anhaltischen Industrie. Dissertation, Halle 1933 Hugo Ahlfeld: Entwicklung und Stand des Bankwesens in Anhalt. Dissertation, Rostock 1927 30 A n h A n g Anmer K u n g s V e r z e I c h n I s Insbesondere die Angaben zu Aktienkapital, Dividenden, Gründungsdaten und Grundzügen der Entwicklung der Köthener Aktiengesellschaften entstammen aus den diversen Jahrgängen des HDAG und werden nicht weiter belegt. 1 12 Ahlfeld, Hugo: Entwicklung und Stand des Bankwesens in Anhalt. Dissertation, Rostock 1927, S. 65 ff. Ebenda, S. 139 ff. Glagau, Otto: Der Börsen und Gründungsschwindel in Deutschland. Leipzig 1877, S. 192 Siebigk, Ferdinand: Das Herzogthum Anhalt. Dessau 1867, S. 432 ,,Cöthensche Zeitung" vom 17.01.1874, S. 5 StAK, Akte 9 / 38 / E 3, Schreiben Wrede an Oberbürgermeister Köthen vom 13.06.1863 Ahlfeld, a. a. O., S. 137 ff. HDAG, Jg. 1899 / 1900, Eintrag Maschinen und Werkzeugfabrik AG, vormals August Paschen in Cöthen ebenda, Eintrag Mälzerei AG, vormals Alb. Wrede in Cöthen Siebigk, a. a. O., S. 527 HDAG, Jg. 1907 / 1908, Eintrag Verein Chem. Fabriken AG in Zeitz Weyhe, Emil: Landeskunde des Herzogtums Anhalt. Bd. II, Dessau 1907, S. 351 StAK, Akte 0 / 150 / G 87, Schreiben Firma Mitscherling an die Stadt Köthen vom 29.11.1912 StAK, Akte 8 / 157 / C 62 StAK, Akte 8 / 157 / C 62, Schreiben Paschen an Magistrat der Stadt Köthen vom 27.07.1909 StAK, BA Augustenstraße (67) 105, Schreiben Anwohner an die Polizeiverwaltung Köthen vom 23.03.1911 Ulrich, Volker: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des Deutschen Kaiserreiches 1871 1918, 3. Auflage, Frankfurt / Main 1999, S. 127 13 14 Zitiert nach: Heinrich Lindner: Geschichte und Beschreibung des Landes Anhalt, Dessau 1833, S. 572 Erich Hobusch: Auf Schleichpfaden. Schmuggleraffären und Paschergeschichten zwischen 1730 und 1930, Berlin 1988, S. 65 ff. Horst Mauter: Die FayenceManufaktur in Köthen. In: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde, 10. Jg. (2001), S. 65 ff. 15 16 17 2 3 18 19 4 J.E. Fabri: Handbuch der neuesten Geografie für Akademien, Gymnasien und für einzelne Freunde dieser Wissenschaft (1. Teil), 9. Auflage, Halle 1805 20 21 22 23 5 6 G (?) M (?): D(eutsche) L(änder), 4. Theil, 1832, S. 368 Staatsarchiv Münster (NL Vincke A I Nr. 1, fol. 152 158): Tagebuch des späteren westfälischen Oberpräsidenten Ludwig Freiherr Vincke), S. 49 / 50 des Manuskripts 24 7 Heinrich Lindner: Geschichte und Beschreibung des Landes Anhalt, Dessau 1833, S. 563 Allgemeine deutsche RealEncyclopädie für die gebildeten Stände (ConversationsLexikon) in 15 Bänden, 9. Originalauflage, Band 8, Leipzig (Brockhaus) 1845, S. 358 25 26 8 27 9 ,,Nachrichten über den GewerbeHülfsVerein zu Cöthen". In: ,,Anhalt Cöthensche Zeitung" vom 03.11. und 06.11.1847, jeweils S. 3 28 10 Rook, HansJoachim: Tendenzen der räumlichen Verteilung und Entwicklung der auf dem Gebiet des Deutschen Reiches in der gewerblichen Produktion eingesetzten Dampfmaschinen im Vergleich der Jahre 1846 / 47 und 1875. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1978 / I, Berlin 1978, S. 119 ff. 29 StAK, Bericht über die Verwaltung und den Stand der GemeindeAngelegenheiten der Stadt Cöthen 1912, S. 47 StAK, BA 591, Schreiben Baumgarten an Polizeiverwaltung Köthen vom 07.08.1902 StAK, BA 591 / 1, Schreiben Baumgarten an Polizeiverwaltung Köthen vom 04.04.1900 Freundel, Matthias: Druckhaus Köthen Die Chronik, Bd. 1 (1869 1994), Köthen 2006, S. 19 30 31 11 siehe www.koethenergie.de/kegeschichte und Beitragsreihe in der ,,Mitteldeutschen Zeitung" vom 22.10. / 03.11. / 09.11. / 11.11. / 23.11.1994 32 31 AnhAng 33 StAK, Akten 4 / 442 / E 36, 4 / 1215 / E 52, 4 / 1096 / H 9, 4 / 696 / G 7, 4 / 690 / D 49, 4 / 1405 / F 92, 4 / 1405 a / F 92, 4 / 1406 / F 92, 4 / 1407 / F 92, 4 / 1409 / F 92, 4 / 1410 / F 92, 4 / 443 / E 36, 4 / 935 / G 78, 4 / 937 / G 78, 4 / 1163 / C 50, 4 / 939 / G 78, 4 / 1503 / E 93 52 Firmenarchiv Wilhelm Behr, Gedenkblatt der Firma zum 100jährigen Firmenjubiläum 1931 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, Schreiben Magistrat Köthen an Anhaltisches Staatsministerium vom 23.12.1932 ebenda StAK, Akte 7 / 25 / G 23, Schreiben Oberbürgermeister Damerow an den Reichstagsabgeordneten Hummel (Generaldirektor und Aufsichtsratsmitglied der IG Farben) vom 19.10.1928 53 54 55 34 35 36 37 38 39 Ahlfeld, a. a. O., S. 137 ff. StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner 1909 / 1910 ,,Cöthensche Zeitung" vom 13.10.1912, S. 1 StAK, ,,Anhaltischer Staatsanzeiger" vom 07.01.1870, S. 34 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner 1915 StAK, ,,Cöthensche Zeitung" vom 06.12.1920: Bericht über Generalversammlung ABC am 04.12.1920 56 57 ebenda StAK, Akte 4 / 1409 / F 92, Schreiben Paschen an Magistrat Köthen vom 15.06.1933 HIDB, Akte P 02688, Schreiben Deutsche Bank an Maschinenfabrik AG, vorm. Wagner & Co., vom 26.07.1938 ebenda siehe dazu Freundel, a. a. O. zu Nacher siehe Wolfgang Mönninghoff ,,Enteignung der Juden", Hamburg / Wien 2001, S. 122 ff. StAK, Akte 7 / 82 / G 28 ,,Industriefragen Vertraulich": Schreiben Dinglinger an Heereswaffenamt Berlin vom 13.08.1934 ebenda: Schreiben Anhaltische Industrie und Handelskammer an Anhaltisches Staatsministerium vom 11.05.1935 ,,Kriegsbetriebsgemeinschaft" (KBG) der Firma Wilhelm Behr mit den Köthener Kaufleuten Heinrich Schulz und Theodor Wittig bestand vom 28. Mai 1943 bis zum April 1945 58 40 StAK, BA Augustenstraße 39 / 42, Schreiben Firma Mitscherling an Stadtverwaltung Köthen vom 20.03.1917 59 60 61 41 StAK, BA 940, Schreiben Firma Musche an Sächs.Anhalt. Verein zur Prüfung und Überwachung von Dampfkesseln vom 10.09.1918 42 HDAG, Jahrgänge 1914 und 1918, Einträge Maschinenfabrik AG vorm. Wagner und Maschinen und Werkzeugfabrik AG vorm. Paschen 62 63 43 44 45 46 Freundel, a. a. O., S. 20 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner 1918 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner 1919 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51: Schreiben Wagner an die Stadt Köthen vom 26.04.1921 65 64 zu Cramer siehe u. a.: Beatrix Heintze ,,Walter Cramer" in: Sächsische Lebensbilder, Stuttgart 1999 / Eintrag Walter Cramer in wikipedia / HansAdolf Jacobsen (Hrsg): Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944. 2 Bände, Stuttgart 1989 47 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsberichte Wagner 1919 und 1920 ,,Mitteldeutsche Zeitung" vom 02.06.1992: ,,Als alle Milliardäre waren ..." 66 67 48 zu Lindemann und Marks siehe HansAdolf Jacobsen, a. a. O. StAK, Akte 7 / 1180 / F 69 ,,Besprechung Oberbürgermeister / Kommandant mit Vertretern der Köthener Industrie" bzw. ,,Amtliches Nachrichtenblatt" vom 10. Juli 1945: ,,Oberbürgermeister Elstermann spricht zur Köthener Industrie" 49 StAK, Akte 4 / 1409 / F 92, Angabe lt. Beitragssatzung der Betriebskrankenkasse Paschen vom 29.11.1923 StAK, Akte 7 / 25 / G 23, Schreiben Firma Vulkanhammer Maschinenfabrik (Neukölln) an Magistrat Köthen vom 09.11.1923 ebenda, Antwortentwurf Stadt vom 15.11.1923 auf Schreiben Firma Vulkanhammer 50 51 68 69 ebenda ebenda 32 M a t t h I a s freundel dIe MaschInenfabrIK ag, VorM. wagner & co., In Köthen g r ü n d u n g durch carl thIel und wachstuM unter JulIus wagner Bereits seit dem Jahre 1860 scheint der Zivilingenieur Carl George Thiel, gebürtig aus dem westpreußischen Elbing1, in Köthen eine Maschinenfabrik zur Reparatur und zum Neubau landwirtschaftlicher Maschinen, Dampfmaschinen und Pumpen betrieben zu haben. Indiz dafür ist seine (spätere) Bezeichnung als ,,MaschinenFabrikant". Doch erst nachdem er am 13.04.1865 anhaltischer ,,Staatsbürger" geworden war, erhielt er mit Datum vom 09. August 1865 von der Herzoglichen Regierung, Abteilung des Innern und der Polizei, seine Konzession, d. h., ihm wurde die ,,Erlaubnis zum Betrieb der von ihm auf seinem in Ostercöthener Mark gelegenen Grundstück ... errichteten MaschinenbauAnstalt ... erteilt ..."2. Erst danach wurde seine Firma in das Handelsregister eingetragen: ,,Handelsrichterliche Bekanntmachung Im hiesigen Handelsregister ist Fol. 289 nachstehender Eintrag: Firma: C. Thiel in Cöthen Inhaber: Civilingenieur und MaschinenFabrikant Carl George Thiel daselbst unter dem heutigen Tage bewirkt. Cöthen, 23. August 1865, Hzgl. Anh. KreisGericht Der Handelsrichter Henning"3 Zum (Neu?) Bau seiner Fabrik hatte Thiel mit Kaufbrief vom 12. / 14.12.1864 vom Seilermeister August Wittig für 3.000 Taler drei Grundstücke mit einer Gesamtgröße von rund 10.400 Quadratmetern erworben: 1) 2 Morgen Acker ,,auf Ostercöthener Marke" 2) 1 Morgen und 35 Quadratruten von Osterköthen bis zur Holländischen Mühle (die spätere ,,Namenspatin" der Zuckerfabrik Holland) 3) 1 Morgen 97 Quadratruten am sogenannten Gänseteich.4 Thiel ließ dort, nach Aufnahme einer Hypothek für Erwerb und Bau in Höhe von 29.100 Talern, eine Fabrik (schon mit Kesselschmiede und Eisengießerei!?) und ein Wohngebäude errichten. Beide zusammen waren nach der Versicherungspolice der ,,Colonia" vom 26. August 1865 mit 7.060 Talern versichert worden.5 Diese Summe lässt auf die Größe der Baulichkeiten und damit den Umfang des Betriebsvermögens schließen. Dieser offensichtliche Kapitalmangel bewog wohl Thiel, (noch?) im Jahre 1865 (?) zwei Partner, den Amtmann Friedrich Wilhelm Julius Wagner und den Rechtsanwalt Adolph Wichmann, beide aus Köthen, in die nunmehr als oHG firmierende Fabrik aufzunehmen. ,,Entscheidender" neuer Kompagnon war dabei Julius 33 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Wagner; Wichmann war, seit seiner Hochzeit mit Agnes Wagner im Jahre 1868, ,,nur" sein Schwiegersohn. Friedrich Wilhelm Julius Wagner, geboren am 22.04.1817, war Rittergutspächter und Amtmann (später Oberamtmann) in Kleinbadegast. Er kam vermutlich 1857 nach Köthen, da es in diesem Jahr den ersten Hinweis auf ihn in den Bürgerscheingebührenlisten im Stadtarchiv Köthen gibt. Wagner war verheiratet mit der aus Neuhaldensleben stammenden und dort am 17.12.1827 geborenen Claudine Jeanette Hölzke.6 Julius Wagner scheint sein Vermögen, wenn es denn nicht schon ganz oder in Teilen ererbt oder erheiratet war, durch die Erträge des von ihm bewirtschafteten rund 165 Hektar großen Ritterguts in Kleinbadegast7 vergrößert oder erworben zu haben. Mit diesem Geld wollte er, dem Trend der Zeit folgend, in die auch in Köthen sich entwickelnde Industrie einsteigen. Er gehörte seit 1861 zu den Initiatoren der Gründung der 1863 in Betrieb genommenen Zuckerfabrik Holland in Köthen und war bis zu seinem Tode ihr Direktor und gleichzeitig Anteilsinhaber.8 Sein Engagement bei Thiel stellte von daher erst einmal nur eine Erweiterung seiner finanziellen Interessen dar. Nach seinem Eintritt in die Firma scheint der ,,rührige Techniker"9 (so bezeichnete ihn in den 1920er Jahren Köthens Oberbürgermeister Damerow) Wagner die Führung des Unternehmens, das sich in den folgenden Jahren erheblich vergrößerte, übernommen zu haben. Die Fabrikation landwirtschaftlicher Geräte verlor, besonders wegen der benachbarten Halleschen Konkurrenz, immer mehr an Rentabilität. Wagner orientierte auf eine Produktion für die Papierindustrie, die ihm gewinnversprechend schien. Tatsächlich wurde mit der 1863 erfundenen Rotationsmaschine und der in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts erfundenen Setzmaschine die Presse zu 34 Abb. 26 Aktie der Zuckerfabrik Holland von 1863 einem Massenmedium mit hohem Papierbedarf, zu dessen Deckung entsprechende Maschinen benötigt wurden. Diesen Trend scheint Wagner erkannt bzw. geahnt zu haben. Diesbezügliche Kontakte wurden in Anhalt geknüpft und bereits ab 1870 bauten ,,Wagner, Thiel & Comp." entsprechende Anlagen und Apparate. g r ü n D u n g Du r c h c A r l th I e l u n D wAc h s t u m u n t e r Ju l I u s wAgner Am 06. / 08. März 1872 gingen die Grundstücke (mittlerweile rund 12.200 Quadratmeter) und die ,,darauf errichteten Gebäude" durch Kauf für 30.600 Taler in den Besitz von Wagner über.10 Der ,,Anhaltische Staatsanzeiger" vom 12. März 1872 vermerkt das gleichzeitige Ausscheiden von Thiel auch aus der Firma: ,,Fol. 382 des Handelsregisters ist heute auf Rubr. 2 folgender Eintrag bewirkt: ,,Der Civilingenieur Carl George Thiel in Köthen ist aus der oHG ,,Wagner, Thiel & Comp." daselbst, welche als solche unter derselben Firma fortbesteht, ausgeschieden und sind die bisherigen Sozien Amtmann Julius Wagner Rechtsanwalt Adolph Wichmann in Köthen nunmehr alleinige Inhaber derselben geworden. Die Beschränkung, wonach zur rechtsgültigen Ausstellung von Wechseln die Unterschrift zweier Gesellschafter erforderlich, hört von heute ab auf. Köthen, 6. März 1872 Hzgl. Anhalt. Kreisgericht Der Handelsrichter Kettler"11 mehr ihr gehörenden Grundbesitz an die oHG ,,Wagner & Comp."13. Die Spezialisierung des Unternehmens schritt zügig voran. Auf der Weltausstellung in Wien 1873 war die Firma bereits mit einem sogenannten Holländer vertreten14, was für die Qualität des Produkts spricht. Immerhin konnte man im späteren Briefpapier die Abbildung einer ,,Anerkennungsmedaille" der Weltausstellung führen. Auch auf der Internationalen Ausstellung der ,,Ge Abb. 27 Stahl und Glas als Symbole des Fortschritts: Die ,,Rotunde", das Wahrzeichen der Weltausstellung Wien 1873 Wagner hatte, wenn auch nur für kurze Zeit, das alleinige Sagen in der Firma, Wichmann blieb, und dies wohl im wahrsten Sinne des Wortes, stiller Teilhaber. Nach Wagners ,,plötzlichen und unerwarteten Tod" am 20.05.1872 im oberfränkischen Bad Streitberg (,,wo er Genesung von seinen Leiden zu finden hoffte" dieser Nachruf deutet auf eine bereits bestehende längere Krankheit hin)12 übernahmen dessen Erben (seine Witwe Jeanette Wagner und seine 11 Kinder) die Fabrik unter dem Namen ,,Maschinenfabrik von Wagner & Co.". Allerdings verkaufte die Familie am 18.01.1873 den nun sammtPapierIndustrie" in Berlin 1878 errang die Firma einen Preis.15 Nachdem Mitscherlich in München in den 80er Jahren das Zelluloseverfahren entdeckt hatte, wurde das Produktionsprogramm von Wagner auch in dieser Hinsicht erweitert. Die Firma stellte nun ganze Einrichtungen für Papier und Zellulosefabriken her. Daneben wurde der allgemeine Maschinenbau und die Fabrikation von Dampfkesseln und maschinen (Errichtung einer Kesselschmiede in den 70er Jahren) beibehalten. 35 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Abb. 28 Briefbogen Wagner um 1885 So erhielt Wagner mit Vertrag vom 03. März 1884 von der Stadt Köthen den Auftrag zum Bau und der Lieferung des ,,schmiedeeisernen Reservoirs" (mit allem Zubehör) für das städtische Wasserwerk. Die vorsichtigen Stadtväter verlangten allerdings 3.400 Reichsmark ,,Caution", die Wagner in Form von 10 Stück ,,Königlich Preußische 4 % Staatsanleihe" (zu je 300 RM Nominalwert je Stück) und 2 Stück der deutschen ,,Reichsanleihe vom Jahre 1878" (zu 200 RM Nominalwert je Stück) auch hinterlegte.16 Unter der technischen und kaufmännischen Leitung der Söhne Wagners, Rudolf und Hartwig, wuchs der Betrieb kontinuierlich. Wurden 1878 nur 74 und im Jahre 1888 ca. 120 Leute beschäftigt, so waren es 1890 bereits 180. Im Jahre 1913 war Wagner mit 357 Arbeitern17 und Angestellten das größte Unternehmen in Köthen. V o n der faMIlIenfIrMa zur aKtIengesellschaft Diese Entwicklung kostete natürlich Geld. Die Familie Wagner war daher gezwungen, ihr Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, um neues Kapital zu erhalten. Im Jahre 1890 wurde die Maschinenfabrik AG, vorm. Wagner & Co., mit einem Kapital von 500.000 Mark gegründet. Weiteres Geld kam durch eine bereits im Jahr danach (1891) an der Börse platzierte Anleihe der jungen AG in Höhe von 350.000 Mark herein. Der Versuch einer weiteren Kapitalerhöhung und der Einführung der Aktien an der Berliner Börse im Jahre 1897 scheiterte jedoch. Der Köthener ,,Hausbank" Wagners, Lüdicke & Müller, gelang es nicht, die bereits damals mächtige Deutsche Bank für das Vorhaben zu interessieren. Höflich lehnte diese ab: ,,Obgleich es ... durchaus den Anschein hat, als ob das Project an sich In 36 V o n Der fAmIlIenfIrmA zu r AK t I e n g e s e l l s c h A f t teresse verdiene, möchten wir doch vorziehen, der Angelegenheit nicht näher zu treten, da sich diese nicht für uns eignet."18 Wagner war (noch) nicht interessant genug für die großen deutschen Geldinstitute. Das sollte sich erst in der Weimarer Republik ändern. ten neben der Maschinenfabrik und der Kesselschmiede auch eine Eisengießerei. Diese lieferte auch Gussteile an kleinere Unternehmen. Wagner blieb flexibel und nahm zwischen seinen ,,Spezialaufträgen" auch weiterhin Arbeiten des allgemeinen Maschinenbaus an. Eine weitere Ursache der Blüte des Unternehmens war die frühzeitige Konzentration auf den Export. Dieser war umfangreich, Wagner hatte als einer der ersten in Anhalt die sich daraus ergebenden Chancen erkannt. Absatzmärkte waren vor allem Skandinavien, Russland, Frankreich, Österreich, England und Portugal, aber auch z. B. in das entfernte Chile. Im Geschäftsbericht der Firma von 1901 / 02 liest sich das so: ,,... wurde uns ... die compl. Anlage einer Zellulosefabrik nach dem Auslande übertragen ... durch deren äußerst vorteilhafte Einrichtung wir die vollste Zufriedenheit der betreffenden Firma erworben haben. Außer einem weiteren Auftrag auf Lieferung zweier großer Papiermaschinen nach Schweden, im Werthe von ca. 100.000, , erhielten wir noch die maschinelle Einrichtung zur Vergrößerung einer ... Cellulosefabrik nach Finland. Im Begriff, größere ArbeiterEntlassungen nach Ablieferung all dieser Maschinen vorzunehmen, wurde uns in Anbetracht unserer früheren exacten Lieferungen der Wiederaufbau der vom Brande zerstörten Papierfabrik Hugohütte in OberSchlesien, den Grafen HenckelDonnersmarck gehörig, ... zu lohnenden Preisen übertragen. Wir waren durch die uns bei diesem Geschäft auferlegte Conventionalstrafe ... gezwungen, Nachtschichten auf mehrere Monate einzulegen und auch den ganzen Sommer hindurch beizubehalten ..."19 Für die Jahre zwischen 1894 und 1912 lassen sich mindestens 32 Großaufträge für Wagner in Deutschland, Europa und Chile nachweisen (siehe Anhang).20 37 Abb. 29 WagnerAktie von 1891 Die Aktiengesellschaft baute, trotz solcher und anderer Schwierigkeiten, ihre Stellung im Papiermaschinenbau in den folgenden Jahren aus. Die Betriebsanlagen umfass D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Abb. 30 Briefkopf Wagner um 1890 Umfang und Art solcher Aufträge ließen es für die Firma natürlich wünschenswert erscheinen, einen eigenen Bahnanschluss zu erhalten. Unterstützung erhielt Wagner dabei vom städtischen Magistrat, der in einem diesbezüglichen Schreiben an die Herzogliche Regierung vom 05.12.1907 ausführte: ,,Die Maschinenfabrik hat bisher ihre sämtlichen Güter mit Fuhrwerk von dem Bahnhof der Staatsbahn nach ihrem Etablissement durch die Stadt Cöthen überführt, und es ist, da es sich meist um ganz außergewöhnlich große Lasten handelt, das Pflaster der städtischen Straße stark in Mitleidenschaft gezogen."21 Die Firma nahm zunächst, unter Vorstand Hartwig Wagner und unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Paul Wagner die Familie hatte bei der Umwandlung ihres Unternehmens in eine AG offensichtlich einen ihr maßgebliche Mitbestimmung sichernden Anteil behalten zumindest äußerlich weiter eine positive Entwicklung. Besonders das Geschäftsjahr 1905 / 06 ragt heraus. In diesem war Wagner ,,mit Aufträgen überlastet"22, was zu dem Rekordumsatz von 1.354.000 Mark, einem Gewinn von 79.760,69 Mark und einer Dividende von 8 % führte. Angeschafft wurden etliche neue Maschinen, eine neue Walzengießerei wurde errichtet, die Gießerei und 38 V o n Der fAmIlIenfIrmA zu r AK t I e n g e s e l l s c h A f t Abb. 31 WagnerProdukte aus einem Musterbuch um 1908 Kesselschmiede von Dampfkraft auf Elektrizität umgestellt und 5.205 qm Acker neben dem Fabrikgrundstück zu dessen Erweiterung angekauft. Doch schon diese Investitionen machten im Jahre 1907 eine Kapitalerhöhung von 500.000 auf 700.000 Mark notwendig, welche von der Generalversammlung am 28.03.1907 beschlossen wurde. Dann aber kam eine ,,schwere wirtschaftliche Krisis"23, die einige Jahre anhielt. Die Firma geriet ins Schlingern. Gewinne (1909: 47.630,74 Mark) wandelten sich in Verluste (1911: 15.877,00 Mark / 1912: 38.898,69 Mark). Die Jahre 1910 bis 1913 blieben dividendenlos. Im Jahre 1909 musste an der Börse frisches Kapital durch eine Anleihe in Höhe von 400.000 Mark aufgenommen werden. 39 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Abb. 32 WagnerProdukte aus einem Musterbuch um 1908 Die Wagners waren wohl im Bestreben, ihr Unternehmen zu vergrößern und zu expandieren, zu weit gegangen. Die Neu und Erweiterungsbauten scheinen überdimensioniert gewesen zu sein. Hinzu kamen missglückte Investitionen, wie z. B. 1904 die 5.000 Mark in Aktien 40 der Sebnitzer Papierfabrik, welche als wertlos (die Fabrik ging in Konkurs) abgeschrieben werden mussten.24 Den übrigen Aktionären (welche, sieht man die folgende Entwicklung, insgesamt im Besitz der Mehrheit gewesen sein müssen) riss im Jahre 1912 der Gedulds V o n Der fAmIlIenfIrmA zu r AK t I e n g e s e l l s c h A f t Abb. 33 Ansicht der Firma Wagner um 1908 faden. Inwieweit dieser Termin durch den Konkurs des Köthener Bankgeschäftes Lüdicke & Müller, mit welchem Wagner in Geschäftsbeziehung stand, im gleichen Jahr beeinflusst wurde, ist nicht belegt. Familie Wagner wurde entmachtet und war im neuen Vorstand und Aufsichtsrat (beide seit dem 01.07.1912 amtierend) nicht mehr vertreten. Zwei Generalversammlungen, am 23.03. und am 06.07.1912, stellten die Weichen neu. Eine ,,RevisionsKommission" erarbeitete Richtlinien für eine neue ,,innere Ausgestaltung" der Firma.25 In den Geschäftsberichten, insbesondere in dem für das Jahr 1912, wurde mit für damalige Zeiten scharfen Worten mit der Geschäftsführung der Wagners ,,abgerechnet": ,,Durch allergrößte Sparsamkeit und Ausnutzung aller nur erdenklichen Faktoren werden wir bemüht bleiben, zunächst eine weitere innere Gesundung unserer Verhältnisse zu erreichen, doch werden immerhin noch ein paar Jahre vergehen, ehe wir alle diejenigen Schäden 41 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n überwunden haben, die im Laufe von vielen Jahren entstanden sind."26 Die neue Direktion musste ,,erst nach und nach die Fehler herausfinden, welche jahrelang ... gemacht worden sind".27 Reorganisationsbedarf gab es insbesondere bei den Arbeitsabläufen und in der Buchhaltung. So waren u. a. über Jahre hinweg viel zu geringe Abschreibungen getätigt worden und hatten damit ein Firmenvermögen, welches in dieser Höhe gar nicht mehr existierte, vorgespiegelt. Gespart wurde natürlich auch erst einmal am Personal, es gab Entlassungen. Ermöglicht wurden diese u. a. durch eine neue Maschinenaufstellung, so dass teilweise 34 Maschinen nun von einem Mann bedient werden konnten. Die am 18.11.1893 für die Werksangehörigen gegründete Betriebskrankenkasse wurde am 27.07.1907 geschlossen.28 Das Aktienkapital wurde mit Beschluss der Generalversammlung vom 05.07.1913 ,,zusammengelegt", d. h., für zwei alte Aktien gab es eine neue, und betrug nur noch 350.000 Mark. Die (neuen) Mitglieder des Aufsichtsrates und des Vorstandes, u. a. führende Köthener Geschäftsleute wie Lührs, (Eisen) Schulze und Beck, übernahmen für 55.000 Mark neue Vorzugsaktien, was 8,6 % des nunmehrigen Aktienkapitals entsprach. Insgesamt konnten durch die Kapitalverkleinerung und die Ausgabe der Vorzugsaktien (buchmäßige) 350.000 Mark zur Defizitreduzierung gewonnen werden. Noch im Jahre 1916 (es ging um die zu zahlende Gewerbesteuer) klagt die Geschäftsführung von Wagner gegenüber der Stadt Köthen, das ,,wir ... sehr schwere Jahre haben durchmachen müssen; unser Ruf hat nach außen hin durch die Zusammenlegung unserer Aktien und durch die vielen Fehljahre (Jahre ohne Dividendenzahlung MF), die wir leider zu verzeichnen hatten, sehr gelitten ...".29 42 Abb. 34 Dampfflug bzw. Motorpflug von Wagner, im Hintergrund das Hauptgebäude der Firma (vor 1914) Dennoch, bereits im Jahr 1913 (es stand immer noch ,,unter dem Zeichen der Reorganisation") konnte die neue Geschäftsführung vermelden, dass der ,,Ruf unseres Werkes weiter gefestigt"30 wurde, ein Aufwärtstrend war erkennbar. d e r 1. weltKrIeg Der Beginn des 1. Weltkrieges im August 1914 traf eine sich in der Reorganisation befindliche Firma. Der Geschäftsbericht des Jahres 1914 führt dementsprechend aus: ,,Das verflossene Jahr hat sich in den ersten 7 Monaten, da uns reichliche Aufträge zuflossen, zu unserer Zufriedenheit entwickelt. Leider wurden wir aber durch den ... ausgebrochenen Krieg in unserer Entwicklungsmöglichkeit stark gehemmt, da die im Ausland angestrebten neuen Verbindungen und die kurz vor dem Abschluss stehenden Geschäfte zunächst hinfällig wur D e r 1. weltK r I e g den."31 Patriotisch und vom deutschen Sieg überzeugt setzte man aber hinzu: ,,Wir hoffen jedoch bestimmt, dass nach glücklich beendetem Krieg dieselben hereinkommen werden ...".32 Sich flexibel auf die neue Situation einstellend konnte die Führung des Unternehmens mitteilen, dass man sich bereits Heereslieferungen gesichert und nach dem (feindlichen MF) Ausland bestimmte Maschinen zurückgehalten habe, wobei man ,,mit Befriedigung und zur Beruhigung unserer Aktionäre"33 ergänzend vermerkte, ,,dass unsere Forderungen an das feindliche Ausland sich in einem sehr mäßigen Rahmen bewegen"34, größere Verluste von daher nicht zu erwarten seien. Ein sofort auftretendes und sich während der gesamten Kriegszeit zeigendes Problem wurde für Wagner, wie bei allen Firmen, die Sicherung des ,,Arbeiterbestandes". Zahlreiche Facharbeiter wurden eingezogen, am Ende des Krieges waren 15 ehemalige ,,Wagnerianer" gefallen.35 Der kriegsbedingte ,,Männermangel" hatte seit dem Jahre 1915 zur Folge, dass in der Firma weibliche Arbeiterinnen eingesetzt wurden eine absolute Sensation, wenn man bedenkt, dass der städtische Verwaltungs bericht des Jahres 1912 (also nur drei Jahre früher) für 15 Betriebe der Eisenbranche zwar 1060 Arbeiter, aber nur 2 (!!) Arbeiterinnen vermerkt hatte.36 So annoncierte die Firma z. B. in der ,,Cöthener Zeitung" vom 04. März 1916, ,,für unsere Granatendreherei stellen wir noch Dreher ein, auch einige kräftige Frauen für Transportarbeiten".37 Seit Mitte 1915 wurden weiterhin eine ,,größere Anzahl"38 von Gefangenen für Arbeiten eingesetzt. Neben Kesselschmiedearbeiten erhielt Wagner vor allem Aufträge für die Herstellung und das Drehen von GraugussGranaten und 15 cmPressstahlGranaten. Gegen Kriegsende entwickelte man sogar den Prototyp eines eigenen Panzers. Die Maschinen der Firma, so wird jedenfalls für die Jahre 1914 bis 1916 angegeben, liefen ,,Tag und Nacht".39 Die Heereslieferungen lohnten sich die Gewinne von Wagner stiegen von 106.848,08 Mark im Jahre 1914 auf 272.798,64 Mark im Jahre 1917, die Dividenden der Aktionäre im gleichen Zeitraum um 4 %. Abb. 35 Französische Kriegsgefangene bei Wagner Abb. 36 Der ,,WagnerPanzer" 43 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Schattenseite dieser für Wagner erfreulichen Entwicklung war der hohe Verschleiß und die Abnutzung der Maschinen und Geräte; ebenso war die Beschaffung der Materialien ,,vielfach mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden"40. In einem Schreiben an die Stadt vom 09. Juli 1918 wird generell dazu ausgeführt: ,,Durch die vielen Tag und Nachtschichten, durch ungelernte Arbeiter (sicher auch durch unwillige wie die Gefangenen MF), durch schlechtes Schmiermaterial, ferner durch unsachgemäße Behandlung der Maschinen ... sind unsere ganzen Einrichtungen während der vierjährigen Kriegsdauer außerordentlich mitgenommen worden ...".41 Relativierend sei aber vermerkt, das dieses ,,Jammern" der Begründung hoher Abschreibungen diente, verbunden mit der Entrichtung (bzw. dem Entrichten wollen) geringer bzw. keiner Gewerbesteuer an die Stadt Köthen. dIe 20er Jahre 1921 / 22. Wesentliche Ursache dafür dürfte die Mitte 1919 ,,in großem Umfange" aufgenommene ,,Reparatur von StaatsbahnLokomotiven und insbesondere Lokomotivkesseln"45 gewesen sein. Der neue Fertigungszweig könnte im Zusammenhang mit deutschen Reparationsverpflichtungen stehen. Bereits mit dem Waffenstillstandsabkommen vom 07.11.1918 war Deutschland u. a. zu Ablieferung von 5.000 Lokomotiven verpflichtet worden; der Versailler Vertrag so noch einmal die Lieferung von 7.500 Lokomotiven durch Deutschland vor. Wagner scheint einen Beitrag zur Erfüllung dieser Pflichten geleistet zu haben. Auch wenn extra neue Gebäude für den Lokomotivbau errichtet werden mussten, die, nach eigenen Angaben der Firma ,,für normale Produktion unbrauchbar"46 und die Staatsaufträge auf 45 Jahre befristet waren; so half es der Firma jedoch, relativ unbeschadet über die Zeit der Nachkriegsturbulenzen und der Inflation zu kommen. Einige Mittel waren sogar für soziale Maßnahmen vorhanden. Am 12. August 1920 wurde von der Maschinenfabrik Wagner ein zwei Hektar großes Stück Acker Nach dem 1. Weltkrieg konnte Wagner einige Zeit wieder an seine früheren Erfolge anknüpfen. Direkt nach Kriegsende erfolgten schon wieder Exporte nach Frankreich, England, Belgien, Italien, Holland und Finnland. Der Geschäftsbericht für das Jahr 1918 vermerkt bis Herbst 1918 eine ,,lebhafte" Nachfrage nach ,,unseren Friedenserzeugnissen"42, um dann jedoch fortzufahren: ,,Nach Ausbruch der Revolution trat jedoch ein starker Rückschlag ein."43 Die Bilanz für das Geschäftsjahr 1919 lautete dann ähnlich: ,,Das Jahr 1919 stand in seinem ganzen Verlauf unter der Einwirkung der Revolution ... wir sind von normalen Verhältnissen weiter denn je entfernt ...".44 Diesem Pessimismus widersprach jedoch die Beschäftigtenzahl in der Firma von 816 Personen in den Jahren 44 Abb. 37 Neue Montagehalle (um 1924) D I e 20er JAh r e land schräg gegenüber der Fabrik von der Stadt Köthen gepachtet und den Angestellten als Schrebergarten unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Diese Gartensparte ,,Wagner" besteht noch heute.47 Die Firma konnte im Jahre 1923 ihre große Montagehalle bedeutend erweitern. Diese war nun 140 m lang und 20 m breit, was Raum ließ für die gleichzeitige Montage von vier großen Papiermaschinen ,,so dass die Herren Besteller ihre Maschinen auch während der Montage besichtigen und nach Fertigstellung abnehmen können."48. In den Jahren 1923 und 1924 produzierten die 1.200 Beschäftigten von Wagner die größte Arbeiterzahl, die in der Köthener Zeit der Firma zu verzeichnen ist u. a. komplette Fabrikeinrichtungen zur Herstellung von Papier und Pappe für Auftraggeber in China, Mexiko und Polen.49 Trotz guter Auftragslage hatte auch Wagner mit den Folgen der Inflation des Jahres 1923 zu kämpfen. Ständig musste frisches Kapital beschafft werden. Bereits Anfang 1923 benötigte die Firma wegen ,,Geldentwertung und starker Einkäufe in Eisen und Koks, welch letzterer auf 5 Monate angeschafft worden ist ..."50 finanzielle Mittel. Die Ausgabe neuer Aktien der Gesellschaft wurde von den Banken, so der DiscontoGesellschaft, in jenem Jahr nur widerwillig begleitet, da es bei diesen Transaktionen nicht genug zu verdienen gab. Selbst die Kreditgewährung an Wagner wurde als ,,lästig"51 bezeichnet. Dennoch hielt die Filiale Köthen der DiscontoGesellschaft die Firma für einen guten Kunden (,,bei der vorzüglichen Situation des Unternehmens") und plädierte für die Beibehaltung der Geschäftsbeziehungen: ,,Bei unseren intimen Beziehungen zu ihr (der Firma Wagner) würde ein Verlust des Kontos für unsere Niederlassungen in Anhalt ... eine außerordentlich ungünstige Wirkung haben."52 Nach den Turbulenzen des Jahres 1923 wies die GoldmarkEröffnungsbilanz vom 19.11.1924 als Summe von jeweils Aktiva und Passiva 4.024.001,73 Goldmark aus. Den Start in die NachInflationszeit erleichterte im gleichen Jahr ein nicht näher erläuterter Großauftrag mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Millionen Goldmark53. Ebenfalls 1924 konnte von der Geschäftsleitung die Fertigstellung und der Bezug eines neuen Verwaltungsgebäudes gemeldet werden. Das Aktienkapital von Wagner betrug im Jahre 1921, nach einer Herabsetzung und mehrmaligen Erhöhungen, 2.230.000 Mark; 1922 / 23 wurde es auf 21.000.000 Mark heraufgesetzt. Diese Inflationsentwicklung wurde am 13.12.1924 durch Herabsetzung auf 3.005.000 Mark korrigiert. Ein (allerdings vorhersehbarer) geschäftlicher Rückschlag, war im Jahre 1926 das Ende der LokomotivVerträge. Die Reichsbahn erneuerte die zum 01. April 1926 auslaufenden Kontrakte nicht. Die Umsätze von Wagner schrumpften deshalb im Jahr 1927 auf ein Drittel ihrer bisherigen Höhe. Bereits im Mai 1926 hatte die Geschäftsleitung wegen der Beendigung der Reichsbahnaufträge angekündigt, bis zu 400 Mann zu entlassen. Streiks der Arbeiter blieben erfolglos. Die Beschäftigtenzahl nahm seit Ende der 20er Jahre rapide ab: von 600 Personen im Jahre 1927 über 519 Personen (1929) auf 343 im Jahre 1931. Ein internes Gutachten aus dem Jahr 1927, welches dem Aufsichtsrat auf seiner Sitzung am 31.05.1927 vorgelegt wurde, listete gravierende Mängel in der Firmenentwicklung auf: veralteter Maschinenpark (von vorhandenen 346 Maschinen waren mit 130 gut ein Drittel älter als 17 Jahre) 45 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n ungenügend ausgebaute Verkaufsorganisation geringe Zahl von Vertretern im Ausland ,,nicht ganz erfreuliches Renommee der Belegschaft".54 Die Geschäftsführung von Wagner, bei der folgerichtig personelle Konsequenzen gezogen wurden, gab zu, ,,dass die Gesellschaft ihr eigentliches Gebiet, den Papiermaschinenbau, zu sehr vernachlässigt und den Schwerpunkt übermäßig auf die Eisenbahnaufträge ge Abb. 38 Schlüssel zur Herrschaft über Wagner: Vorzugsaktie von 1923 46 D I e 20er JAh r e legt habe; infolgedessen befinde sich die Gesellschaft in einem Übergangsstadium. Sie müsse sich dem Papiermaschinenbau wieder widmen und durch Qualität usw. beweisen, das sie auf diesem Gebiet wieder leistungsfähig sei, das erfordere natürlich einige Zeit."55 Und diese Zeit kostete Geld. Kapital, das die Firma und ihre (einheimischen) Aktionäre nicht hatten. Wagner wurde zum ,,Übernahmekandidaten", wie es im heutigen Börsenjargon heißen würde. Die Maschinenfabrik AG, vorm. Wagner, hatte nämlich eine von ihrer Generalversammlung am 13.12.1924 beschlossene Besonderheit bezüglich ihres Aktienkapitals und damit der Machtverhältnisse: eine Stammaktie (30.000 Stück zu je 100 RM) verschaffte dem Besitzer in der Hauptversammlung nur eine Stimme, eine Vorzugsaktie (50 Stück zu je 100 RM) hingegen 180 Stimmen! Damit benötigte ein potentieller Investor zur Erlangung der Wagner'schen Stimmenmehrheit ,,nur" das Vorzugskapital in Höhe von 5.000 RM (mit 18.000 Stimmen) und Stammkapital in Höhe von 600.100 RM (mit 6.001 Stimmen). Er hatte damit die Stimmenmehrheit, obwohl er nur über nominal 605.100 RM des insgesamt 3.005.000 RM betragenden Aktienkapitals verfügte. Der Erwerb von Stammaktien im o. g. Nominalwert kostete bei Kursen zwischen 17 und 65 % (Mitte der 20er bis Anfang der 30er Jahre) ca. 102.000 390.000 RM; der Wert des Vorzugspakets lässt sich nicht mehr ermitteln, da er reine Verhandlungssache gewesen sein dürfte. Mit etwas Geschick und Glück brauchte man also kein Millionär sein, um bei Wagner das Sagen zu haben. Dieses Sagen hatten Anfang 1927 Bankdirektor Gustav Bomke aus Magdeburg (Aufsichtsratsvorsitzender bei Wagner 1925 bis 1927, im Aufsichtsrat bereits seit 1920) und der Köthener Fabrikbesitzer Oswald Lührs (stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Wagner von 1913 bis 1933). Beide zusammen verfügten über die ,,stimmgewaltigen" Vorzugsaktien und Teile des Stammkapitals. Allein Lührs, Inhaber der Köthener Lackfabrik Beck & Lührs sowie Großaktionär auch bei der Actienbrauerei Köthen, verfügte über 1.400 RM Vorzugsaktien (5.000 Stimmen) und 200.000 RM Stammaktien (2.000 Stimmen) und damit über 14,6 % der Stimmrechte bei Wagner.56 Selbst die mächtige DiscontoGesellschaft musste daher ,,in Rücksicht auf seinen Aktienbesitz und den grossen Anhang in Köthen ... in der Behandlung von Lührs vorsichtig verfahren ..."57 Die Sanierung der Firma ging jedoch offensichtlich über die Kräfte dieser grauen Eminenz der Köthener Geschäftswelt. Ein Fusionsprojekt mit der Nienburger Maschinenfabrik AG, Nienburg / Saale (an welcher Lührs auch beteiligt war) kam nicht zustande.58 Einsicht in die Realität, auch wenn diese mit dem Verkauf der WagnerMehrheit verbunden war, führte zur Suche nach einem potenten Investor. Dieser wurde in der Person des in den 20er Jahren in einem Atemzug mit den ,,Inflationskönigen" Hugo Stinnes und Friedrich Flick genannten Jakob Michael gefunden. Der am 28.02.1894 geborene Kaufmannssohn aus Frankfurt / Main hatte im 1. Weltkrieg hohe Gewinne damit erzielt, dass er für seine Firma Starck, Michael & Co. im Erzgebirge aus Haldenrückständen das kriegswichtige Wolfram gewinnen ließ. Die erwirtschafteten Gelder nutzte er in der Nachkriegs und Inflationszeit zum Kauf von chemischen Fabriken, Firmen der Textilbranche und der Metallindustrie 47 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n sowie von Bank, Versicherungs und Handelsunternehmen, aus denen er einen Konzern unter dem Dach seiner Firma Michael & Co. und der als Konzernbank fungierenden Industrie und Privatbank in Berlin formte. Im Jahre 1925 wurde Michaels Vermögen auf 150 Millionen Mark geschätzt. Der Inflationsgewinnler Michael verfügte damit bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 über viele Sachwerte, hatte aber keine flüssigen Mittel mehr. Im März 1932 stellte die Industrie und Privatbank ihre Zahlungen ein, der Konzern zerbrach. Michael selbst emigrierte bereits 1931 in die Niederlande, 1939 in die USA. Dort gründete er mit der New Jersey Industries Inc. erfolgreich eine neue Firma. Er entging damit nicht nur der Verfolgung als Jude, sondern rettete, da er die Aktien der ihm gehörenden Köster AG (welcher wiederum weiterhin der größte Teil seines deutschen Beteiligungsbesitzes gehörte) auf sein amerikanisches Unternehmen übertrug, diesen Konzern (der damit als ,,Auslandsbesitz" galt) vor der ,,Arisierung". Nach dem Weltkrieg konnte er dann im Jahre 1954 diese ,,Emil Köster AG" gewinnbringend an den damals aufstrebenden Helmut Horten verkaufen.59 Abb. 39 Jakob Michael (28.02.1894 07.09.1979) im Jahre 1924 w a g n e r und MIchael Ende 1927 sicherte sich der MichaelKonzern das Vorkaufsrecht auf die Vorzugsaktien von Wagner und bot bis zum 05.01.1928 für Stammaktien 40 % ihres Nominalwertes. Tatsächlich gelangte Jacob Michael so in den Besitz von 1.400.000 RM Stammkapital und 5.000 RM Vorzugskapital, verfügte also mit 32.000 Stimmen über zwei Drittel der Stimmrechte.60 48 Jakob Michael, der seine geschäftlichen Erfolge sicherlich nicht zu Unrecht erzielt hatte, erkannte das in der Köthener Firma steckende Potential, urteilten doch Kunden wie die renommierten Papierwerke Waldhof immer noch über Wagner, ,,dass die Firma von jeher sehr gute Maschinen geliefert habe ...".61 Der Einstieg von Michael führte zu einem, wenn auch kurzzeitigen Aufschwung bei Wagner. Schon im Geschäftsjahr 1927 / 28 konnte man ,,verschiedene Aufträge aus dem Ausland und besonders einen ziemlich bedeutenden aus Frankreich"62 verzeichnen. Allerdings beklagte sich die Firma bereits 1929 über die hemmende s t A n D o r t p o K e r 19311935 hatten für Wagner keine finanziellen Folgen. Zwar waren rund 500.000 RM der zusammen 1.117.000 RM betragenden Bankguthaben der Firma dem Michael'schen Bankinstitut anvertraut worden, diese Einlage hatte sich die Geschäftsführung von Wagner aber durch Sicherheiten wie Wertpapiere, Hypotheken und die Übereignung von 5 ZellophanMaschinen (diese im Wert von 75.000 RM) abdecken lassen.65 s t a n d o r t p o K e r 19311935 Abb. 40 Luftbild Wagner Ballonaufnahme Sommer 1926 ausländische Zollgesetzgebung, weshalb z. B. nicht nach England geliefert werden konnte. Fusionspläne von Wagner mit der ebenfalls Michael gehörenden Metallwerke vorm. J. Aders AG in Magdeburg und damit die Schaffung eines bedeutsamen Maschinenbauunternehmens innerhalb des Konzerns konnten nicht realisiert werden.63 Michael betrachtete wohl nunmehr Wagner nur noch als finanzielle Spielmasse zur Verwirklichung seiner anderen Pläne. Er verpfändete die ihm gehörenden Aktien als Sicherheit für andere Geschäfte an Banken in der Schweiz und den Niederlanden, verkaufte aber auch Stammaktien für 465.000 RM an die Köthener Firma selbst zurück. Im Jahre 1932 konnte Michael selbst nur noch über die Vorzugsaktien (welche bei einer Amsterdamer Bank deponiert waren) und Stammaktien im Wert von 935.000 RM verfügen.64 Die Zahlungsschwierigkeiten von Michael und die Insolvenz seiner Industrie und Privatbank im Jahre 1932 Die Weltwirtschaftskrise traf Ende der 20er Anfang der 30er Jahre Wagner als exportorientiertes Unternehmen hart. Vom Gesamtauftragseingang des Geschäftsjahres 1929 / 30 entfielen z. B. mehr als 50 % auf Auslandsaufträge. Die Beschäftigtenzahl verringerte sich weiterhin, um im Dezember 1932 mit 185 Beschäftigten auf einen Stand wie seit ca. 50 Jahren nicht mehr abzusinken.66 Fehlende Umsätze aufgrund der allgemein prekären wirtschaftlichen Lage zwangen die Firmenleitung zu drastischen Maßnahmen. Bisher gezahlte Zuschläge zum Lohn, Wagner zahlte über Tarif z. B. in der Formerei 50 90 % Zuschläge, in anderen Werkstätten 36 45 %, wurden ersatzlos gestrichen. Ein vom Unternehmen und den betroffenen Arbeitern angerufener Schlichter erklärte den völligen Wegfall dieser Zuschläge zwar für nicht berechtigt, schlug aber eine Kürzung von einem Drittel vor. Die Firma nahm den Kompromiss an, welcher ab dem 08.02.1932 gelten sollte, die Mehrheit der Arbeiter (225 Mann) waren jedoch dagegen und streikten ab dem 09.02.1932.67 Die (aus Sicht der Geschäftsführung) ,,monatelangen, nutzlosen Streiks"68 hatten für die Beschäftigten keinen Erfolg, zumal in den übrigen Maschinenfabri49 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n ken Köthens ,,in der bisherigen Weise"69 weitergearbeitet wurde. Die Weltwirtschaftskrise sorgte auch in der anhaltischen Metallindustrie dafür, dass sonst früher geübte Solidarität zwischen den Arbeitern nicht mehr stattfand. Wagner sah sich sogar ,,... wegen Unproduktivität" gezwungen, seine ,,Abteilungen Tischlerei, Dreherei, Schlosserei, Kesselschmiede, Feuerschmiede, Reparaturschlosserei, Werkzeugmacherei sowie die übrigen allgemeinen Betriebsabteilungen und die gesamte Verwaltung stillzulegen."70 Die Pleite von Jakob Michael ließ Gerüchte aufkommen, neuer Großaktionär sei Günther Quandt mit seinen Dürener Metallwerken. Dies wurde im Dezember 1932 allerdings vom Köthener Unternehmen zurückgewiesen. Das Gerücht zu Quandt hatte aber mit der Nennung der rheinländischen Stadt Düren einen realen Kern. Dort, in einem traditionellen deutschen Zentrum der deutschen Papier und Papiermaschinenindustrie, besaß die Wagner AG die von ihr zur Verwertung der erworbenen Rechte an einer von J.W. Erkens entwickelten Papierzentrifuge am 22.10.1931 gegründete Erkensator GmbH. Als die Köthener Firma dann noch im November 1932 ,,billig" (für 400.000 RM) den renommierten Dürener Papiermaschinenhersteller Seybold & Banning erwerben konnte, wurden die Abwanderungsgedanken konkret. Wirtschaftliche Schwierigkeiten bei Wagner schlossen also Expansion nicht aus. Seybold & Banning waren allerdings wirklich ein ,,Schnäppchen", da man den Kaufpreis von 400.000 RM einfach ,,hypothekarisch", also über Grundschulden, absichern konnte. Bargeld floss bei der Transaktion nicht. Wenn Wagner allerdings Aufträge hatte, waren sie hochprofitabel. Nur dies erklärt die Tatsache, dass Wagner im Jahre 1930 über ein Bankguthaben von 50 866.952 RM und im Jahre 1932 von 1.130.000 RM verfügte. Der ,,ansehnliche Bestand an verfügbaren Geldern"71 bei Wagner war in Berliner Börsenkreisen Anfang der 30er Jahre legendär, ebenso die ,,geheimnisvolle Atmosphäre"72 des Unternehmens. Geheimnisumwittert waren, nicht nur für die Börsianer, zwei Fragen: Bleibt Wagner in Köthen und wer ist, nach Michaels Pleite, Großaktionär? Im Dezember 1932 wurden Pläne der Maschinenfabrik Wagner, nach Düren zu ziehen und in Köthen nur die Gießerei mit 20 bis 25 Beschäftigten zu belassen, öffentlich und lösten hektische Aktivitäten bei der Stadtverwaltung und der Anhaltischen Landesregierung aus. Am 23.12.1932 teilte der Magistrat der Regierung seine Befürchtung mit, dass die bei Wegzug entlassenen WagnerArbeiter von der Stadt als Erwerblose ernährt werden müssten und dies angesichts der Tatsache ,,dass ... Köthen bereits seit längerer Zeit relativ die höchste Zahl an Erwerbslosen in Anhalt hat." Weiter teilt man dramatisch mit, das ,,die hier ansässige Industrie fast nur noch aus ... Wagner ... besteht ...".73 Trotz aller Dramatik entsprach dies (fast) der Realität, welche Köthens Oberbürgermeister Damerow dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden von Wagner, Oswald Lührs, in einem Schreiben vom 30.12.1932 so schilderte: ,,Im Laufe der letzten Jahre haben wir nacheinander die Zuckerraffinerie Holland, die Hauptleitung der Grube Leopold und noch verschiedene Behörden verloren ...".74 Der Verlust des WagnerWerkes, welches immerhin nach Zeitungsberechnungen vom 24.12.1932 in den letzten fünf Jahren an Löhnen, Gehältern, Gewerbesteuern, für Strom etc., also direkte Stadteinnahmen und Kaufkraftpotential, 5.087.680 Mark75 gezahlt hatte, wäre ein, wie die ,,Cöthener Zeitung" schrieb, ,,geradezu vernichtender Schlag"76 gewesen. s t A n D o r t p o K e r 19311935 Entsprechend verhandlungsbereit waren die Stadt und die Anhaltische Landesregierung. Wagner gab als Gründe für seine Umzugspläne aus Köthen generell an, im Rheinland seien die Produktionskosten billiger, präzisierte dies aber auch an: Auswirkungen der Frachtbasis Oberhausen: Alle Bezieher von Eisen in Deutschland hatten immer die Frachtkosten ab Oberhausen im Rheinland zu zahlen, egal woher das Material (genannt wurden z. B. die Standorte Riesa oder Brandenburg) tatsächlich kam. Mit Standort Düren wären diese Kosten natürlich wesentlich geringer ausgefallen. Starre Lohnpolitik: Die Löhne im Rheinland seien günstiger. Diese Problematik hatte ja schon den Streik bei Wagner 1932 (siehe dort) ausgelöst. Tarifpolitik der Reichsbahn Teurer Strom in Köthen: ,,In Köthen wird der jährliche Stromverbrauch eines Großabnehmers nach einem Spitzenverbrauch errechnet, der vielleicht im Jahre sich nur auf eine ganz kurze Zeit gezeigt hat." Dadurch habe Wagner in den letzten fünf Jahren allein für Strom 78.000 Mark umsonst gezahlt.77 Köthens Verwaltungsspitze reagierte schnell und konnte auch die Anhaltische Landesregierung bewegen, einen Beitrag zum Standorterhalt zu leisten. Zugeständnisse gab es natürlich nur da, wo es im Vermögen von Stadt und Staat lag: Wagner wurden von der Stadt Zugeständnisse beim Preis von Strom und Wasser sowie bei der Höhe der Gewerbesteuern gemacht Die Anhaltische Landesregierung gewährte, um Wagners ,,Russengeschäft zu forcieren", neben der bisher be reits gewährten Ausfallbürgschaft für solche Geschäfte in Höhe von 30 % weitere 30 %. Da das Deutsche Reich ebenfalls weitere 30 % gewährte, konnte Wagner nun fast risikolos mit Russland Geschäfte machen.78 Bereits in der Gemeinderatssitzung vom 06. Januar 1933 wurden diese Bedingungen mit fünfjähriger Gültigkeit in einem Vertrag prinzipiell festgeschrieben. Pikantes Detail am Rande: Die Firma Wagner (man kann davon ausgehen, das dies Direktor Dörries als ,,Chef" war) stellte als Bedingung für die noch durchzuführenden Verhandlungen von Stadt und Wagner ,,... dass der Kommission (des Stadtrates) StadtverordnetenVorsteher Friesleben (NSDAP) aus persönlichen Gründen nicht angehören dürfe, andernfalls sie (Wagner) die Verhandlungen ablehnen würde."79 An dieser Stelle bleibt Raum für Spekulation hatte Dörries generell etwas gegen die Nazis oder nur gegen Friesleben (dessen Persönlichkeit sich aus Berichten und Akten als, vorsichtig gesagt, sehr gewöhnungsbedürftig darstellt)? Hat eine persönliche Animosität Dörries Friesleben Einfluss auf den letztendlich erfolgten Weggang der Firma aus Köthen gehabt? Im Februar 1933 war es erst einmal amtlich: Wagner blieb (vorerst) in Köthen. Auch die Lage der Firma schien sich zu bessern: Am Jahresanfang 1933 gab es bereits 60 Neueinstellungen, weitere 50 wurden in Aussicht gestellt.80 Dennoch hielten die auf fünf Jahre mit der Stadt ausgehandelten Vergünstigungen Wagner nur noch bis 1935. Dem Unternehmen ging es, nach eigenen Angaben, bald wieder schlechter. So wurde dem Köthener Oberbürgermeister anlässlich seiner Einladung zur Einweihung ei51 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n nes neuen ,,Gemeinschaftsraumes" mitgeteilt, dass ,,der Geschäftsumfang unseres Unternehmens in den letzten Monaten besonders dadurch leidet, dass die DumpingMaßnahmen europäischer und überseeischer Länder unsere Exportgeschäfte, die bis zu ¾ unserer Aufträge ausmachen, auf einen nie da gewesenen Stand haben sinken lassen ...". Die ,,Gefolgschaft", so heißt es weiter, zähle daher nur noch ,,220 Köpfe".81 Staatliche Regelungen wie die ,,Anordnung über Beschränkung der Herstellung von Papier, Karton und Maschinenpapier" vom 14. Mai 1934 hatten weitere Umsatzeinbußen für den Papiermaschinenhersteller zur Folge. Die nach den Bemühungen des Jahres 1932 / 33 doch recht erstaunlich schnelle Trennung von Köthen und Wagner beruht aber wohl, trotz der genannten Schwierigkeiten, auf einer völlig neuen Interessenlage Anfang des Jahres 1935. Der deutsche Staat hatte, nach Hinauswurf des Gründers und Inhabers Hugo Junkers, dessen Dessauer Flugzeugwerke übernommen und diese zur Rüstungsfirma umstrukturiert und ausgebaut. Das nahe Dessau gelegene Köthen bzw. seine Verwaltung unter Oberbürgermeister Hengst, war bemüht (die Zeichen der Zeit erkennend), Garnisons und Rüstungsstandort zu werden. Die Stadt konnte mit dem Wagnerschen Areal einen nahe gelegenen, komplett ausgestatteten und das kürzlich erst Verhinderte nun wollend zum Verkauf stehenden Standort bieten. Der dritte im Bunde, die Maschinenfabrik Wagner, war gegen einen guten Preis bereit, Grundstücke und Gebäude zu verkaufen, um ihre Neustrukturierungspläne finanzieren zu können. An diesem Punkt trafen sich staatliche, städtische und Wagner'sche Pläne. 52 Sämtliche Gebäude und Grundstücke der Aktiengesellschaft in Köthen wurden noch im Jahre 1934 an Junkers verkauft. Der Gesamtgrundbesitz der Maschinenfabrik AG in Köthen umfasste zu diesem Zeitpunkt ca. 56.000 Quadratmeter, wovon 35.000 Quadratmeter bebaut waren. 51.000 Quadratmeter entfielen auf die Fabrikanlage an der Eisenbahn, der Rest u. a. auf zwei ,,Direktionswohnhäuser" und auf ein ,,Beamtenwohnhaus" für 10 Familien. Der Fabrikkomplex mit 5 massiven Hallen (9 20 m breit und 75 140 m lang) war voll elektrifiziert und hatte einen eigenen Gleisanschluss.82 Das JunkersMotorenwerk auf diesem, später noch stark erweitertem, ehemals Wagnerschen Gelände schrieb dann ein eigenes Kapitel Köthener Industriegeschichte. d I e ära dörrIes Am 31.12.1934 ging, so vermerkt man bei Wagner, ,,unser Fabrikationsbetrieb in den Besitz eines anderen Unternehmens (Junkers MF) über ...".83 Die Hauptversammlung am 11.02.1935 beschloss dann die Sitzverlegung der Firma nach Herischdorf / Riesengebirge (ca. 4.500 Einwohner). Die Firma zog damit ins eher strukturschwache (und dementsprechend billigere) Niederschlesien/ Riesengebirge, hatte doch der Streik des Jahres 1932 auch gezeigt, dass sich das Unternehmen die relativ hohen Löhne in Köthen nicht mehr leisten konnte. Als weiteren Nebeneffekt hatte man es nicht mehr mit der ,,verschworenen" WagnerArbeiterschaft Köthens, sondern mit einer neuen, den Köthener Verhältnissen gegenüber unorganisierten Arbeiterschaft zu tun. D I e är A Dörr I e s Die maschinellen Einrichtungen aus Köthen wurden zum größten Teil in die neuen Fabrikräumlichkeiten in Herischdorf überführt. Treibende Kraft der radikalen Veränderungen im Unternehmen scheint der Direktor Otto Dörries gewesen zu sein. Otto Dörries, geboren am 17. Januar 1896, ,,kam schon in jungen Jahren mit der Zellstoff und Papierindustrie in Berührung".84 Er wurde, knapp dreißigjährig, im Jahre 1926 Mitglied des Vorstandes und damit der Geschäftsführung von Wagner & Co. Abb. 41 Otto Dörries (17.01.189625.03.1958) in den 50er Jahren Er wohnte in Köthen in der Villa Akazienstraße Nr. 16. Die Firma hatte diese im Jahre 1925 als ,,Direktionswohnhaus" neu erworben und bis September 1926 umbauen lassen85. Dörries hat sich, folgt man seiner Biografie, ,,bald"86 nach Antritt seines Postens auch an der Firma beteiligt. Viele Fakten sprechen dafür, dass er schon in der MichaelÄra die ,,Übernahme" von Wagner geplant hat. Richtig zum Zuge kam der Vorstand und Direktor von Wagner jedoch erst nach dem Zusammenbruch des MichaelKonzerns. Der Aufenthalt von Jakob Michael und ebenso seiner WagnerAktien (alle Vorzugsaktien und ca. 40 % der Stammaktien) im Ausland seit 1931 führte dazu, dass die aus dem Wertpapierbesitz resultierenden Rechte nicht mehr wahrgenommen werden konnten. Die Köthener Firma hatte keinen Großaktionär mehr, die Aktien waren weit gestreut. Dörries, dessen Einkommen als WagnerVorstand zwischen 20.000 und 50.000 RM87 im Jahr schwankte und dessen Frau ebenfalls einer vermögenden Familie entstammte, konnte es sich durchaus leisten, beträchtliche Mengen der an der Börse unterbewerteten Aktien seines Unternehmens zu kaufen. Die in der Generalversammlung vom 04.05.1932 beschlossene Herabsetzung des WagnerKapitals auf 2,57 Mio. RM ,,durch Einziehung eigener Aktien" verminderte die von Dörries zur Einflussgewinnung notwendig zu erwerbende Zahl der Anteile. Auch der Käufer der von der Firma selbst im Jahre 1933 für 53 % ihres Nominalwertes verkauften eigenen Aktien im Nennwert von 400.000 RM dürfte, zumindest für einen Teil, Dörries geheißen haben. Im Jahre 1944 verfügte Otto Dörries über WagnerAktien im Nennwert von 172.800 RM.88 Dörries scheint die treibende Kraft bei den Bestrebungen, aus Köthen weg zu ziehen, gewesen zu sein. Zielstrebigkeit zeichnete, und nicht nur dabei, sein Handeln 53 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n Abb. 42 / Abb. 43 Eine Spezialität von Wagner Riesige ,,Glättzylinder". Die Abbildungen zeigen solche noch aus der Köthener Zeit vor 1914 aus. Allgemein scheint das Naturell von Dörries jedoch schwierig gewesen zu sein, urteilte man in Bankkreisen doch über ihn: ,,Herr Dörries ... ist außerordentlich schwer zu behandeln, braust sehr leicht auf ...".89 Der erste Anlauf im Jahre 1932 in Richtung Düren im Rheinland, vorbereitet durch den Erwerb der dort ansässigen Seybold & Banning GmbH (Ende 1932) und die Gründung der Erkensator GmbH (bereits 1931), scheiterte an den damals noch vorhandenen Interesse der Stadt Köthen am Erhalt des Standortes und den damit erreichbaren Zugeständnissen. Die veränderte Lage 1934 / 35, verbunden mit der Gelegenheit, durch Vermittlung der Dresdner Bank das renommierte Papiermaschinenwerk ,,Füllner" in Bad Warmbrunn von der sich in der Umstrukturierung befindlichen LinkeHofmannBusch AG (zur FlickGruppe gehörig) zu erwerben, ließen den Wechsel Realität werden. Dörries, nunmehr ,,Generaldirektor", initiierte den Kauf bzw. die Gründung von Firmen in den niederschle54 sischen Orten Herischdorf, Bad Warmbrunn (Füllner), Kotzenau (Gießerei ,,Marienhütte"), Erdmannsdorf (Maschinenfabrik ,,Nema") und Neisse; in den meisten wurde er Geschäftsführer. Ein Blick für günstige Gelegenheiten und der finanzielle Spielraum (dank des Erlöses aus dem Verkauf der Köthener Immobilien) der von ihm kontrollierten Wagner AG begründeten ein kleines Konzernreich des Papiermaschinenbaus. In diesem entstanden Produkte, die international Anerkennung fanden. Im Jahre 1937 wurde für eine finnische Papierfabrik der bis dahin weltweit größte ,,Glättzylinder" mit einem Durchmesser von 5,10 Metern gefertigt ein ,,Weltrekord".90 Otto Dörries spielte daher im Papiermaschinenbau des Dritten Reiches keine geringe Rolle. Er war von 1939 bis 1945 Vorsitzender der Fachgemeinschaft Papiermaschinenbau im Verein Deutscher MaschinenbauAnstalten und engagierte sich besonders in Exportfragen.91 Sein Bestreben, den Firmen seinen ,,Stempel" aufzudrücken ist dabei unverkennbar. Wesentlich früher D I e är A Dörr I e s gegründete und nicht seinen Namen tragende Firmen (Wagner: gegr. 1860, Füllner: gegr. 1854, Marienhütte Kotzenau: gegr. als AG 1872) firmierte und benannte er um; das nunmehrige ,,Stammwerk" in Herischdorf war dagegen ,,seine" Gründung. Im Jahre 1938 beschäftigte die Firmengruppe um die Maschinenfabrik AG vorm. Wagner rund 1.300 Arbeiter und Angestellte. Ihre den Normen des Nationalsozialismus entsprechende Führung wurde am 01.05.1938 durch den Gauleiter Schlesiens, Joseph Wagner, mit dem ,,Gaudiplom für hervorragende Leistungen" gewürdigt. Das gleiche Diplom gab es auch 1939 und 1940. Erst im Jahre 1939 konnte Dörries auch nach Außen hin seinen Einfluss bei Wagner dokumentieren: am 25.1.1939 beschloss die Hauptversammlung die Änderung des Firmennamens in ,,Maschinenfabriken DörriesWagner AG". Otto Dörries schien gehofft zu haben, in diesem Jahr alleiniger Herr über Wagner zu werden. Seine Aussichten standen nicht schlecht. Die ihn zum Hausherrn machenden Vorzugsaktien befinden sich zwar immer noch im Besitz holländischer Banken, doch stimmte das Reichswirtschaftsministerium am 30.08.1939 der ,,Repatriierung" der Vorzugsaktien und eines Postens Stammaktien zu.92 Der deutsche Überfall auf Polen und damit der Beginn des 2. Weltkrieges am 01.09.1939 machten jedoch alle Hoffnungen zunichte. Resignierend stellte Dörries fest: ,,Durch den Ausbruch des Krieges konnte das für den Rückerwerb der Aktien anstelle einer Devisenzahlung vorgesehene Kompensationsgeschäft nicht durchgeführt werden." und bat daher, die ,,... schwebende Angelegenheit bis zur Beendigung des Krieges zurückzustellen".93 Was der Geschäftsmann nicht wissen konnte: Bereits im Mai 1940 sollten auch die Niederlande durch deutsche Truppen besetzt werden, die Aktien wurden wieder ,,greifbar". Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Dörries jedoch bereits zu einer anderen Variante, eigene Firmen zu besitzen, entschlossen. Diese Pläne sollten sich im Übrigen im Laufe der künftigen Entwicklung als sehr vorausschauend erweisen. Otto Dörries erwarb nämlich 1939 / 40 von der Maschinenfabriken DörriesWagner AG sämtliche Anteile der Konzernfirmen Banning & Seybold und Füllner; auch die Erkensator GmbH mit ihren wertvollen Patenten scheint Bestandteil dieses ,,Deals" gewesen zu sein, zumindest wird sie nach 1940 nicht mehr erwähnt. Die Finanzierung dieser Transaktion (Dörries zahlte bar, ca. 1.200.000 RM) scheint er durch den Verkauf eines Teils der von ihm bisher erworbenen WagnerAktien sichergestellt zu haben. Die Restfirmengruppe, deren Generaldirektor Dörries weiterhin blieb, wurde am 01.07.1942 in DörriesFüllner Maschinenfabriken AG, Bad Warmbrunn (Herischdorf war 1941 eingemeindet worden) umbenannt. Das Jahr zwischen Juli 1942 und Juli 1943 wurde zur Zäsur für Wagner. Die konkreten Vorgänge sind (bislang) nicht genau nachvollziehbar. Beweisbar ist Folgendes: Otto Dörries wurde als Vorstand abgelöst. Ein ,,vom Reich eingesetzter Treuhänder"94 veräußerte das gesamte Vermögen der Gesellschaft. An die Stelle der veräußerten Objekt traten die (beträchtlichen) Kaufpreisforderungen aus diesem Geschäft. Spekulativ kann man Folgendes annehmen: Nach der Eroberung der Niederlande hatte sich das Deutsche Reich in den Besitz der WagnerAktien 55 D I e m A s c h I n e n f A b r I K Ag, Vorm. wAgne r & c o . , In K ö t h e n gesetzt, welche Michael in holländischen Banken deponiert hatte. Diese Aktien, als ,,jüdischer Besitz" automatisch ,,Reichsbesitz", nahmen Dörries seine dominierende Position bei Wagner. Der deutsche Staat nutzte die ihm dadurch entstehenden Möglichkeiten. Dörries als Papiermaschinenproduzent war nicht bedeutsam für die Rüstungsproduktion Deutschlands. Goebbels hatte am 18.02.1943 mit seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast den ,,Totalen Krieg" eingeleitet. Dessen Fokussierung auf alleinige Ausrichtung der Wirtschaft zur Erfüllung wehrwirtschaftlicher Aufgaben beinhaltete natürlich auch die Vernachlässigung bzw. Aufgabe nicht kriegsnotwendiger Wirtschaftszweige. Dörries / Wagner waren sicher davon betroffen und hatten, in alleiniger Verantwortung bzw. entsprechend beeinflusst, reagiert. Schon im Geschäftsbericht 1939 / 40 der DörriesWagner AG sind nebulös die ,,neuen Fabrikationsaufgaben"95 der Firma erwähnt. Für das Jahr 1944 ist konkret nachweisbar, das die Bad Warmbrunner Firma zu den Produzenten der schweren Feldhaubitze 18 (Kaliber 15 cm) gehörte, einer Waffe, welche 43,5 kg schwere Granaten bis zu 13 Kilometer weit verschießen konnte.96 Bei DörriesFüllner in Bad Warmbrunn wurden auch KZHäftlinge ausgebeutet. Diese gehörten zu einem der über 100 ,,Außenkommandos" des seit dem 01.05.1941 eigenständigen Konzentrationslagers GroßRosen (bis dahin Nebenlager des berüchtigten KZ Sachsenhausen)97 ein wichtiger Hinweis auf staatlichen Einfluss in der Warmbrunner Firma. Damit ist die Annahme realistisch, dass die Anlagen von DörriesFüllner im Interesse einer optimalen Nut56 zung für kriegswirtschaftliche Zwecke aufgekauft und verwendet wurden. Am 03.08.1943 nahm die Firma ihren früheren Namen ,,Maschinenfabrik AG vorm. Wagner & Co" wieder an. Kurz vor Kriegsende, in der Hauptversammlung von (nunmehr wieder) Wagner & Co. am 31.08.1944 wurde Kasse gemacht. Der Vorstand, dem Otto Dörries nicht mehr angehörte, liquidierte die Gesellschaft, welche keine industrielle Substanz mehr besaß. Die Otto Dörries AG (und damit O. Dörries selbst) besaß zu diesem Zeitpunkt noch Aktien im Nominalwert von 172.800 RM der ,,Wagner AG". Die vorhandenen Gelder reichten aus, um jedem Anteilseigner 145 % je Aktie zu zahlen.98 Die Firma Wagner hörte auf zu existieren. Otto Dörries wurde als Person zum Bindeglied zwischen der ,,alten" Köthener Firma Wagner und dem Fortbestand ihrer Tradition. Er hatte seinerseits bereits am 15.03.1943 die nunmehr ihm gehörende Maschinenfabrik Banning & Seybold AG in Düren in O. Dörries AG umbenannt. Zusammen mit dem Erlös von etwa einer Viertelmillion Reichsmark aus seinen Restanteilen bei Wagner (Aktien für nominal 172.800 RM × 145 %) erlebte er damit das Kriegsende als vermögender Mann und eigener Firmenchef. Das Dörries letztendlich persönlich gehörende Werk in Düren beschäftigte, damit auch die durch Nationalsozialismus und Krieg möglichen Verhältnisse nutzend, ebenfalls so genannte ,,Ostarbeiter" und Kriegsgefangene und unterhielt ein eigenes ,,Zivilgefangenenlager".99 n e u A n f A n g In Dü r e n ex I s t e n z bIs h e u t e n e u a n f a n g In düren exIstenz bIs heute Im Ergebnis des 2. Weltkrieges gingen die im Riesengebirge bzw. Niederschlesien liegenden Firmen verloren. Die Rote Armee nahm die weitgehend unbeschädigten Werksgebäude in Warmbrunn in Besitz, verbliebene Maschinen wurden demontiert und in die UdSSR abtransportiert. Das nunmehr in Polen liegende Unternehmen wurde unter dem Namen ,,Fabryka Maszyn Papier Cieplice" wieder in Betrieb genommen. Otto Dörries verblieb das in Düren gelegene Werk, dessen Anlagen jedoch bei Luftangriffen am 21. Juli und am 16. November 1944 schwer beschädigt worden waren. Anlagen und Fachpersonal waren aber in Sicherheit gebracht worden: Zuerst vor den anrückenden Amerikanern und den Luftangriffen auf das Rheinland durch Verbringung des Maschinenparkes und der Belegschaft nach Bad Warmbrunn, dann vor den im Frühjahr 1945 in Schlesien einrückenden russischen Truppen durch die Verlagerung von Maschinen nach Augsburg in Räumlichkeiten der Maschinenfabrik AugsburgNürnberg (MAN).100 Mit diesem Grundstock erfolgte der Neuanfang. Ein Neuanfang mit Schwierigkeiten und einer Überraschung. Otto Dörries war nicht Alleininhaber seiner Firma. Im Jahre 1948 wird der Dürener Firmenleitung erstmals bekannt, dass 50 % der Anteile dem jüdischen Geschäftsmann Hans Cohn gehören. Otto Dörries soll, so wird heute in Düren kolportiert, diesem geholfen haben, sich vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Aus Dankbarkeit beteiligte sich Cohn nach dem Krieg an der Firma, um ihr finanziell einen Neustart zu ermöglichen. Eine geborene Cohn war allerdings auch die Mutter von Jacob Michael, eine weitere geborene Cohn war die Mutter von Jacob Michaels Frau Erna. Hat vielleicht doch Jacob Michael mit Hilfe seiner Familie und von Otto Dörries seinen Einfluss bei Wagner/ Dörries über die Zeit des Nationalsozialismus gerettet? Eine weitere noch zu klärende Frage ...101 Dörries selbst war bald einer der ,,Wirtschaftswunderkapitäne", zwar einer der kleineren, aber immerhin. Er gehörte zahlreichen Aufsichtsräten an und war an verschiedenen Firmen beteiligt. Seine breit gestreuten wirtschaftlichen Interessen verbanden ihn sogar mit der Familie des mächtigen Bankiers Hermann Josef Abs: Der Familie Abs und der Familie Dörries gehörten je 25 % des Kapitals (2.500.000 DM) des Schuhherstellers J. & C.A. Schneider in Frankfurt/Main mit 2.500 Beschäftigten.102 Im Jahre 1954 übernahm die Dörries AG (wiederum) ein alteingesessenes Unternehmen die Maschinenfabrik Girards in MechernichNeuhütte. Sie wurde zu einer modernen Gießerei und Maschinenfabrik ausgebaut. Der Name Dörries Düren wurde durch den hohen Exportanteil (bis zu 90 % der Produktion!) beim Absatz weltweit bekannt. Otto Dörries erlag am 25. März 1958 auf einer Geschäftsreise einem Herzschlag.103 Hans Cohn veräußerte 1966 seine Gesellschaftsanteile an die Familie Voith; Othilie Dörries, die Witwe von Otto Dörries, verkaufte ihre Anteile drei Jahre später ebenfalls an Voith. Damit befand sich die Firma Dörries, nunmehr als GmbH, mit ihren ca. 1.000 Beschäftigten seit 1969 zu 100 % im Besitz des Familienkonzerns Voith in Heidenheim104, der übrigens heute im Verbund mit dem Schwei57 AnhAng zer Sulzer Konzern weltgrößter Papiermaschinenhersteller ist. Papiermaschinen waren ja auch die Spezialität von Wagner der Kreis schließt sich. Im Jahre 1988 war die O. Dörries GmbH (Stammkapital 9.500.000 DM) zu 100 % im Besitz von VoithFirmen. Die Dörries GmbH selbst hatte sich mit 48,95 % am Stammkapital (16.016.000 DM) der Scharmann GmbH & Co. in Mönchengladbach beteiligt.105 Diese beiden Firmen fusionierten 1988 zur DörriesScharmann AG und gingen 1990 in den Einflussbereich des VulkanVerbundes (Bremen) über.106 Nachdem die Metallgesellschaft AG, Frankfurt/Main, 51 % der Anteile am Maschinenbauer Schiess AG an die Vulkan abgegeben hatte (1993), wurde auch diese Firma der DörriesScharmann AG angegliedert. Das neuformierte Unternehmen erwirtschaftete mit 3.500 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 500 Millionen DM.107 Im Sog der Vorgänge um den Konkurs der Muttergesellschaft Bremer Vulkan AG musste auch für die DörriesScharmann AG im Juni 1996 das Vergleichsverfahren beantragt werden. Im Juli 1997 erfolgte eine Revitalisierung der Firma als ,,DS Technologie Werkzeugmaschinenbau GmbH". Im Oktober 2004 wurde es in ,,Dörries Scharmann Technologie GmbH" umbenannt.108 Die Firma, deren Wurzeln in Köthen lagen, existiert damit unter dem Namen der sie in den 20er bis 50er Jahren prägenden Führungspersönlichkeit noch heute. 58 s t A t I s t I s c h e AngAb e n anhang s t a t I s t I s c h e angaben zur MaschInenfabrIK ag, VorM. wagner Jahr 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1909 1910 1911 1912 1913 1914 1915 1916 1917 1918 Aktienkapital in Mark Stammkapital 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 500.000 700.000 700.000 700.000 700.000 700.000 700.000 115.000 115.000 115.000 115.000 115.000 115.000 Vorzugskapital 235.000 345.000 525.000 585.000 585.000 1.000.000 (b) (b) (b) (b) (b) (b) gegen 1898 Umsatz in Mark Gewinn / Verlust in Mark auf Stamm 0,0 3,5 3,0 5,0 + 24.268,84 + 59.159,44 4,0 5,0 7,5 4,0 6,0 7,0 5,0 5,0 0,0 5,0 7,5 8,0 8,0 0,0 4,0 0,0 0,0 0,0 0,0 4,0 4,0 4,0 8,0 6,0 Dividende in % auf Vorzug Beschäftigte 186 143 118 143 135 204 184 225 188 193 193 216 200.000,00 + 37.340,77 + 47.682,04 944.000,00 732.000,00 920.000,00 1.260.000,00 1.354.000,00 + 36.604,22 + 5.229,56 + 25.844,79 + 67.400,46 + 79.760,69 + 76.376,90 + 4.976,68 + 47.630,74 0,00 15.877,00 38.898,69 1.723.066,81 2.017.726,70 2.800.013,67 2.853.527,05 3.697.929,54 5.488.260,87 (?) + 16.457,88 + 106.848,08 + 147.997,60 + 166.134,00 + 272.798.64 + 140.583,20 339 357 6,0 6,0 6,0 10,0 8,0 275 361 411 562 567 505 59 AnhAng Jahr 1919 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926 1927 1928 1929 1930 1931 1932 1933 1934 Aktienkapital in Mark Stammkapital 115.000 1.115.000 2.230.000 5.300.000 20.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 3.000.000 2.565.000 2.565.000 2.565.000 Vorzugskapital 1.000.000 300.000 1.000.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 5.000 x+ (b) (b) (b) (b) (b) (b) Umsatz in Mark 5.740.752,66) 20.438.000,00 Gewinn / Verlust in Mark auf Stamm + 415.940,99 + 2.205.572,52 + 2.768.723,54 + 13.129.455,00 + 3.070.000.000.000,00 13,0 30,0 30,0 100,0 2,5 3,0 8,0 5,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 Dividende in % auf Vorzug 15,0 6,0 2,5 2,5 8,0 8,0 8,0 0,0 8,0 8,0 8,0 8,0 8,0 8,0 8,0 Beschäftigte 816 2.800.500,10 4.424.141,76 4.480.329,10 1.236.376,50 826.018,00 + 133.326,13 + 325.304,31 + 231.325,14 569.877,00 + 51.136,27 + 100.952,08 + 110.452,00 + 2.312,00 130.553,00 + 99.657,99 + 1.100,58 1193 (a) (a) 770 600 580 519 590 410 464 343 185 225 185 220 Tabelle 4 (a) Beschäftigtenzahl ohne Lokomotivenreparaturabteilung / (b) Nettoumsatz n a c h w e I s b a r e grossaufträge Von wagner 1894 1927 Jahr 1894 1899 1899 1899 1900 1900 1902 1902 1902 1902 Auftrag Cellulosemaschine Komplette Papierfabrik 2 Cellulosemaschinen Papiermaschine Langsiebpappenmaschine Papiermaschine Wiederaufbau Papierfabrik (Papiermaschinen / Seidenpapiermaschine) Maschinen Cellulosefabrik 2 Papiermaschinen Cellulosemaschine Auftraggeber Storviks Sulfit AB Stora Kopparsbergs Berglags AB F.J. Bensau Wilh. Heyne Graf Schaffgotsch Graf Schaffgotsch Hofrat Fellman (?) Storviks Sulfit AB Ort Storvik Falun Erkrath Eythra Hugohütte (bei Tarnowitz / Oberschlesien) Hugohütte Helsingfors Storvik Land Schweden Chile Schweden Deutschland Deutschland Deutschland Deutschland Finnland (Russland) Schweden Schweden 60 AnmerKungsVerzeIchnIs Jahr 1902 1903 1903 1903 1904 1904 1905 1905 1906 1906 1906 1906 1907 1907 1907 1907 1907 1907 vor 1908 vor 1908 vor 1908 1912 1922 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1923 / 24 1924 20er Jahre 1927 Auftrag 2 Cellulosemaschinen Seidenpapiermaschine Papiermaschine Papiermaschine Selbstabnahmemaschine Selbstabnahmepapier maschine Seidenpapiermaschine Papiermaschine 6 Papiermaschinen / Holländeranlage / Kollerganganlage Asbestpappen Langsiebmaschine Cellulosepackpapiermaschine Cellulosemaschine Cellulosemaschine Seidenpapiermaschine Cellulosemaschine Cellulosemaschine Cellulosemaschine Papiermaschine Papiermaschine Papiermaschine Selbstabnahmepapiermaschine Papiermaschine Papiermaschine Zellstoff und Papierfabrik Seiden und Krepppapierfabrik Strohpappenfabrik Graupappenfabrik Strohpapierfabrik Zellstoffmaschine Kartonmaschine Strohpappenmaschine Feinpapiermaschine Papiermaschine Papiermaschine Papiermaschine Papiermaschinen Aufträge bei Neubau Kelheim Auftraggeber Bergvik u. Ala Stora (?) AB Graf Schaffgotsch Katfos (?) Cellulosefabrik F.M. Weber Müller & Schmidt Graf Schaffgotsch Drammen Paper Mills A / S Kierulf & Ryberg AG Cellulose und Papierfabrik ,,Prowodnik" AG für Maschinenpapierfabrikation Köpmanholmens Sulfitfabrik Norddeutsche Cellulosefabrik AG Keller und Gottschaldt GmbH Cellulosefabrik Woikka Walkiakoski AB Stora Kopparsbergs Berglags AB Schuller & Co. Holzzellstoff und Papierfabriken AG Gebr. Müller (Coswig), bestimmt für Papierfabrik Tannroda Papierfabrik Ilfeld Vereinigte ClosettPapierfabriken Vereinigte Papierwerke Ort Bergvik Hugohütte Katfos (?) Leipzig Roßlau Hugohütte Drammen Drammen Krappitz / Oberschlesien Riga Aschaffenburg / Memel Bjästa Königsberg / Ostpreussen Mildenau Woikka Walkiakoski Böhnsdalen Falun Doymegen / Roymegen (?) Neustadt / Schwarzwald Coswig / Anhalt Ilfeld / Harz Nürnberg Nürnberg Kushiukwan Louis de Velasco Land Schweden Deutschland Norwegen (?) Deutschland Deutschland Deutschland Norwegen Norwegen Deutschland Russland Deutschland Schweden Deutschland Deutschland Finnland (Russland) Finnland (?) Schweden (?) Schweden (?) Schweden Deutschland (?) Deutschland Deutschland Deutschland Deutschland Polen Deutschland China Mexiko Deutschland Polen Deutschland China Deutschland Deutschland Deutschland Deutschland (?) Deutschland Deutschland Papierfabrik Tannroda Pappenfabrik Ziegenrück Märkische Papierindustrie Papierfabrik Tannroda Geldmacher Strobel Fr. Halbach AG Waldhof Tannroda Ziegenrück Kushiukwan Treuenbrietzen Tannroda Nümbrecht Wilischthal Leer / Ostfriesland Tabelle 5 61 AnhAng anMerKungsVerzeIchnIs Wichtige Unterlagen und Angaben zur Geschichte der Firma Wagner befinden sich in folgenden Archiven bzw. entstammen Nachschlagewerken, welche abgekürzt so genannt werden: HDAG Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, erstmalig erschienen 1896 / 97 HIDB Historisches Institut der Deutschen Bank, Frankfurt / Main StAK Stadtarchiv Köthen WABW Stiftung Wirtschaftsarchiv BadenWürttemberg, Schloss Hohenheim / Stuttgart Die in Stuttgart vorhandenen Unterlagen zur Köthener Zeit von Wagner (u. a. Teile von ,,Fabrikationsmusterbüchern" um 1900) gehören dort zum Bestand des VoithKonzerns. Diese Unterlagen haben damit eine aus dem Firmenschicksal resultierende Irrfahrt Köthen Bad Warmbrunn Düren Stuttgart hinter sich. Detaillierte Angaben zur Statistik der Unternehmen der Stadt Köthen finden sich in der Akte 7 / 1004 / H 5 ,,Gewerbliche Anlagen 1878 1908" des StAK. ,,Standardwerk" für die Geschichte der Maschinenbauindustrie Anhalts und damit auch für die Unternehmensgeschichte von Wagner ist die 1928 in Köthen gedruckte Dissertation von Ernst Höhne ,,Die Entwicklung der anhaltischen MaschinenIndustrie. Eine wirtschaftsgeschichtliche Monografie". Insbesondere die Angaben zu Aktienkapital, Dividenden, Gründungsdaten und Grundzügen der Entwicklung von Wagner entstammen aus den diversen Jahrgängen des HDAG und werden nicht weiter belegt. 7 Landwirtschaftliches Adressbuch der Güter und Wirtschaften im Herzogtum Anhalt (Niekammers GüterAdreßbücher Band XIII), Leipzig 1914, S. 24 8 StAK, ,,Cöthensche Zeitung" vom 22.05. und 24.05.1872 (diverse Nachrufe auf Wagner) Damerow, Erich: ,,Die Stadt Cöthen in Anhalt" (Monographien entwicklungsfähiger Städte), Berlin 1925, S. 20 StAK, Akte 9 / 1564 / A 50 StAK, ,,Anhaltischer Staatsanzeiger" vom 12.03.1872 StAK, ,,Cöthensche Zeitung" vom 24.05.1872 StAK, Akte 9 / 1241 / D 86 ,,Grundstücksangelegenheiten 1873 1879" Höhne, a. a. O., S. 73 f. StAK, Akte 8 / 179 / G 63, Schreiben Wagner an die Stadt Köthen vom 18.12.1884 (Briefkopf) StAK, Akte 8 / 179 / G 63, Vertrag Wagner Stadt Köthen vom 03.03.1884 Höhne, a. a. O., S. 152 ff. HIDB, Akte P 02688 ,,Maschinenfabrik Wagner & Co.", Schreiben Deutsche Bank an Lüdicke & Müller vom 26.11.1897 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51 ,,Gewerbesteuer Wagner", Geschäftsbericht Wagner für 1901 / 02 siehe Anhang Nr. 2 (Aufträge und Daten erarbeitet durch Auswertung der Aufrisse von Maschinen und Anlagen, welche bei Wagner gefertigt wurden. Diese Pläne wurden durch Wagner als ,,Werbebücher" verschickt. Solche Pläne vorhanden im WABW und in einem im Besitz des Autors befindlichen WagnerProspekt von ca. 1908) 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 1 2 3 4 5 6 StAK, Akte 0 / 1691 / H 8 ,,Bahnanschluß Wagner", Schreiben Magistrat der Stadt Köthen an Herzogliche Regierung vom 05.12.1907 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1905 / 06 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1907 / 08 HDAG, Stichwort ,,Sebnitzer Papierfabrik AG" im Jahrgang 1903 / 04: Konkurs der Papierfabrik am 21.09.1903, da ein Großauftrag des bekannten Berliner ScherlVerlages, für welchen StAK, Akte 0 / 221 / A 14, Einbürgerungsbescheid vom 13.04.1865 StAK, Akte 7 / 908 / F 84, Konzession vom 09.08.1865 StAK, ,,Cöthensche Zeitung" vom 29.08.1865 StAK, Akte 9 / 1564 / A 50 ,,Grundstücksveränderungen 1861 1872" Höhne, a. a. O., S. 50 Angaben lt. Recherchen von Frau Monika Knof, Leiterin StAK 22 23 24 62 AnmerKungsVerzeIchnIs extra eine neue Fabrik errichtet worden war, nicht erfüllt werden konnte. Scherl trat vom Vertrag zurück, die AG blieb auf den Kosten ihrer Großinvestition ,,sitzen". 25 26 27 28 29 51 HIDB, Akte P 02688, Schreiben der Direktion der DiscontoGesellschaft an Filiale Magdeburg vom 16.02. und 02.03.1923 HIDB, Akte P 02688, Schreiben der Filiale Magdeburg der DiscontoGesellschaft an Direktion Berlin vom 13.02.1923 StAK, ,,Cöthener Zeitung" vom 06.02.1924 HIDB, Akte P 02688, Prüfungsbericht Dr. Wendt zu Wagner im Auftrag der DiscontoGesellschaft (Filiale Magdeburg) vom 21.10.1927 52 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1912 StAK, ebenda StAK, ebenda StAK, Akte 4 / 442 / E 36 ,,Krankenkasse Wagner" StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Schreiben Wagner an die Stadt Köthen vom 21.07.1916 55 53 54 HIDB, Akte 0221068, ,,Berliner BörsenZeitung" vom 21.12.1926 HIDB, Akte P 02688, Schreiben Lührs an G. Bomke vom 20.04.1927 HIDB, Akte P 02688, Schreiben Direktion der Filiale Magdeburg der DiscontoGesellschaft an Dr. Eduard Mosler, Geschäftsinhaber der DiscontoGesellschaft, vom 23.04.1927 30 31 32 33 34 35 36 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1912 / 13 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1914 StAK, ebenda StAK, ebenda StAK, ebenda StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1918 StAK, Bericht über die Verwaltung und den Stand der GemeindeAngelegenheiten der Stadt Cöthen 1912, Cöthen 1913, S. 47 StAK, ,,Cöthensche Zeitung" vom 04.03.1916 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1915 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Schreiben Wagner an die Stadt Köthen vom 21.07.1916 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1917 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Schreiben Wagner an die Stadt Köthen vom 09.07.1918 StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1918 StAK, ebenda StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Geschäftsbericht Wagner für 1919 StAK, ebenda StAK, Akte 9 / 1659 / F 51, Schreiben Wagner an Stadt Köthen vom 26.04.1921 62 61 60 58 57 56 HIDB, Akte P 02688, Aktenvermerk der DiscontoGesellschaft vom 31.10.1927 zu Michael siehe: Felix Pinner: Deutsche Wirtschaftsführer, BerlinCharlottenburg 1925, S. 235 ff. Hans Jaeger: Jacob Michael, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 17, Berlin 1994, S. 425 f. Manfred Ohlsen: Milliarden für den Geier oder Der Fall des Friedrich Flick, Berlin 1980, S. 111 ff. Bernt Engelmann: Deutschland ohne Juden, Berlin 1988, S. 336 ff. HIDB, Akte 02688, Schreiben Filiale Köthen der Deutsche Bank und DiscontoGesellschaft an Zentrale Berlin vom 07.04.1932 HIDB, Akte 02688, Aktenvermerk der DiscontoGesellschaft (?) vom 20.04.1997 HIDB, Akte 0221068, ,,Berliner BörsenZeitung" vom 15.01.1927 HIDB, Akte 0221068, ,,Neue Berliner Börsenzeitung" vom 20.09.1928 HIDB, Akte 02688, Schreiben Filiale Köthen der Deutsche Bank und DiscontoGesellschaft an Zentrale Berlin vom 07.04.1932 37 38 39 59 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 ,,Mitteldeutsche Zeitung" vom 10.07.2001, S. 13 Damerow, a. a. O. WABW, Bestand B 80 / 2826, Werbeanzeige Wagner, ca. 1924 HIDB, Akte P 02688, Schreiben der Filiale Magdeburg der DiscontoGesellschaft an Direktion Berlin vom 13.02.1923 64 63 63 Kol u m n e n t I t e l l I n K s 65 66 ebenda StAK, Akte 7 / 355 / B 72 ,,Verlegung der Maschinenfabrik Wagner & Co.", ,,Köthener Tageblatt" vom 24.12.1932 StAK, ,,Köthener Zeitung" vom 09.02.1932 StAK, Akte 0 / 745 / G 28, Schreiben Wagner an Stadt Köthen vom 06.02.1934 StAK, ,,Köthensche Zeitung" vom 09.02.1932 StAK, Akte 7 / 807 / D 75, Schreiben Anhaltische Regierung an die Stadt Köthen vom 04.03.1932 86 87 88 Stadtarchiv Düren, a.a.O. geschätzt lt. Angaben der Gesamtbezüge des Vorstandes im HDAG HIDB, Akte 02688, Schreiben Max Johannes an Deutsche Bank, Filiale Breslau, vom 31.08.1944 HIDB, Akte 02688, Vermerk Zentrale Deutsche Bank Berlin (?) vom 11.01.1938 WABW, Bestand B 80 / 2826, Werbepublikation Wagner mit Zeitungsartikel aus den ,,Görlitzer Nachrichten" vom 13.01.1938 (?) Stadtarchiv Düren, a.a.O. HIDB, Akte 02688, Schreiben WagnerDörries AG an Deutsche Bank vom 23.04.1940 HIDB, ebenda HIDB, Akte 02688, Bericht des Vorstandes für das Geschäftsjahr 1942 / 1943 HIDB, Akte 02688, Geschäftsbericht Wagner 1939 / 1940 www.lexikonderwehrmacht.de, Stichwort: Haubitzen und Mörser wikipedia, Stichwort ,,KZ GroßRosen" HIDB, Akte 02688, Schreiben Max Johannes an Deutsche Bank, Filiale Breslau, vom 31.08.1944 Stadtarchiv Düren: B 824 (mit Plan) und ,,Catalogue of camps and prisons in germany and germanoccupied territories" (Sept. 1st, 1939 May 8th, 1945) beide Fundstellen im Internet unter ,,Düren, dörries" 67 68 89 69 70 90 91 92 71 HIDB, Akte 022 1068, ,,Berliner BörsenBerichte" vom 18.07.1935 ebenda StAK, Akte 7 / 355 / B 72, Schreiben Stadt Köthen an Anhaltische Regierung vom 23.12.1932 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, Schreiben OB Damerow an Lührs vom 30.12.1932 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, ,,Köthener Tageblatt" vom 23.12.1932 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, ,,Cöthener Zeitung" vom 23.12.1932 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, ,,Cöthener Zeitung" und ,,Köthener Tageblatt", jeweils vom 24.12.1932 72 73 93 94 74 95 96 97 98 75 76 77 99 78 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, ,,Cöthener Zeitung" und ,,Köthener Tageblatt", jeweils vom 06.01.1933 StAK, Akte 7 / 355 / B 72, Protokoll 11. Sitzung Gemeinderat Köthen am 06.01.1933 100 79 WABW, Bestand B 80 / Bü. 2828, Manuskript ,,Werdegang der Firma O. Dörries GmbH, Düren" (um 1970) Dörries: Geschichte und Entwicklung, Hrsg. Dörries GmbH, Düren 1992 sowie mündliche Auskünfte von Herrn Jürgen Rohe (Voith Paper GmbH & Co. KG, Düren) 80 HIDB, Akte 022 1068, ,,Berliner BörsenBerichte" vom 28.02.1933 101 81 StAK, Akte 0 / 745 / G 28, Schreiben Wagner an OB Stadt Köthen vom 06.02.1934 HDAG, Jahrgang 1934, Stichwort ,,Maschinenfabrik AG, vorm. Wagner" WABW, Bestand B 80 / 2826, Zeugnis von Wagner für Wilhelm Riemenschneider vom 31.12.1934 Stadtarchiv Düren, Kurzbiographie Dörries StAK, Bauakte BA 32 (Akazienstraße 16): Der Umbau betraf den Anbau eines ,,Seitenflügels" 102 103 104 105 106 107 108 82 Wer gehört zu wem?, 4. Auflage 1959, S. 253 Stadtarchiv Düren, Kurzbiographie Dörries WABW, Bestand B 80 / Bü. 2828, a.a.O. Wer gehört zu wem?, 16. Auflage 1988, S. 219 und 738 Internet: www.dstechnologie.de ebenda ebenda 83 84 v85 64 M o n I K a Knof MInna wagner Verw. MogK geb. walter und dIe KnochenleIMfabrIK In Köthen d I e dorfstätte und der scharfrIchter calow Vor den Toren Köthens, genauer gesagt, vor dem Halleschen Tor, hinter dem Städtischen Ratsvorwerk und noch hinter den Gasthöfen ,,Zur Grünen Tanne" und den ,,Feldschlößchen" lag die so genannte Dorfstätte oder auch der Dorfstättenacker. ,,Die Dorfstätte gleicht den Plätzen im dem hiesigen Neumarkt freies und unbedingtes Eigen und Nutztumsrecht der Stadt Köthen ein sumpfiger Teil um den Abb. 44 Der Dorfstättenacker um 1825 65 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Käferteich gutes, aber gewöhnliches mit Lehm vermengtes Erdreich ..."1 Im Bericht des Fürstlichen Amtes vom November 1805 wurde festgestellt, dass ,,der Weg von daher über die hiesige Stadtmarke, so genannte Dorfstätte, ist sehr verdorben und die Wiederherstellung der Passage höchstnöthig ..."2 Eine Ausbesserung des Weges von Edderitz bzw. Wülknitz über die Dorfstätte erfolgte 1814. Damit kam man Beschwerden auswärtigen Händlern nach, die diesen Weg nutzten, um an Markttagen in die Stadt zu gelangen. Auf dem Gelände der Dorfstätte, zu beiden Seiten der heutigen Edderitzer und Wülknitzer Straße, sowie der beginnenden HeinrichHeineStraße, ließ der Magistrat in unregelmäßigen Abständen nach Lehm und Sand graben. Auch lagerten, verbotenerweise, Düngerhaufen und Mist auf den Äckern der Dorfstätte. Dieser als unfruchtbar bezeichnete Flecken war mit Wegen durchzogen und bildete einen ,,Kessel, der bei schneereichem Winter eine große Masse Wasser erzeugt, dass man zu Fuß dahin gar nicht gelangen kann ..."3 Immer wieder kehrende Beschwerden führten dazu, dass dem Wülknitzer Weg der Charakter einer Landstraße zuteil wurde und 1828 mit ,,Steinen von der Klepziger Gasse gesammelt ..."4 ausgebessert wurde. Wie danach die Klepziger Straße aussah, geht aus den Akten nicht hervor. Versuche, die Dorfstätte wirtschaftlich zu beleben, fanden sich nur vereinzelt. So wollte der Müller Leopold Hartmann 1818 einen Fleck auf der Dorfstätte käuflich erwerben, jedoch wurde ihm, neben dem Kaufpreis, auch die Bedingung auferlegt, den Teich (Käferteich) in einen Graben umzuwandeln für den Abfluss des Regenwassers 66 und als Ackerbegrenzung. Die Kaufverhandlungen dauerten zwei Jahre an und führten zu beiderseitigem Rücktritt.5 1820 versuchte der Gastwirt Wagner vom ,,Prinz von Preußen" eine Steinbrennerei anzulegen. Das Probebrennen von ca. 3.000 Steinen auf der Dorfstätte missglückte, da im Regen die Steine zerbröselten. Er gab sein Unternehmen auf.6 Und auch den Antrag auf Bebauung der Dorfstätte mit Wohnhäusern lehnte man aufgrund des hohen Wasserstandes ab. Nach Einschätzung des Baumeisters Bandhauer er war mit der Vermessung der Dorfstätte beauftragt ,,sollte man arme Leute nicht auf ein freies Feld verlegen ..."7 Einzige Bauten stadtauswärts auf der rechten Seite der jetzigen Wülknitzer Straße waren die auf Bandhauers Plan zur Vermessung der Dorfstätte eingezeichneten Gebäude einer Abdeckerei und der Scharfrichterei. Ein Datum zur Erstbebauung konnte bisher leider nicht gefunden werden. In den städtischen Kämmereirechnungen, und erstmalig 1755, ist der Bürger und Scharfrichter Johann Ge Abb. 45 Tätigkeit eines Scharfrichters im 19. Jahrhundert D I e Dorfstätte u n D Der sc h A r f r I c h t e r c A l o w org Calow im Magdeburger Viertel eingetragen.8 Wo er herkam ist nicht bekannt und auch nicht, ob er noch als Scharfrichter eine durch Rechtsspruch verhängte Todesstrafe zu vollstrecken hatte. Bekanntlich haftete dem Scharfrichtergewerbe, wie den Henkern und auch den Abdeckern ein Makel an, aufgrund dessen sicherlich nicht viele Informationen zu Personen und ihrem Wirken überliefert wurden. Daher erklärlich auch die weit außerhalb einer Stadt liegende ,,Wirkungsstätte". Vermutlich hatte aber jener Köthener Johann Georg Calow bereits dem AbdeckerGewerbe gewidmet. Das fand auch Niederschlag in einer Auseinandersetzung des Calow gegen die Köthener Bürger im Februar 1761.9 Darin wurde dem Calow vorgeworfen nicht ordnungsgemäß abgedeckt, verscharrt und gekalkt zu haben. Calow bestritt diese Vorwürfe, beschrieb, das ,,Vieh 3 Ellen tief verscharrt zu haben ..." und das lediglich kein Kalk vorhanden war, weil bekanntlicherweise die ,,Kalkbrennereien im Winter nicht brennen ..."10 Die Viehseuche war bereits in der Stadt nicht mehr nachweisbar und die Angelegenheit verlief im Sande. Sein Haus im Magdeburger Viertel, mit der alten Hausnummer 321 und später Magdeburger Straße 22, gehörte eigentumsrechtlich zur Abdeckerei. Nach 1777 muss Calow verstorben sein und hinterließ seine Frau Maria Magdalene Calow geb. Schottmann (geboren 1756) und seinen einzigen Sohn Georg Friedrich (geboren 1776 oder 1777). Die Witwe Calow verheiratete sich wieder mit Lebrecht Leopold Benedikt Knauf ein der Chirurgie Beflissener, als Scharfrichter bezeichneter Bürger Köthens und zeitweiliger Pächter des Ratskellers. Aus dieser Ehe stammte die 1790 geborene Tochter Marie Dorothea Abb. 46 Erwähnung des Nachrichters Calow 1761 67 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Auguste. Die Eheleute Knauf betrieben das AbdeckerGeschäft bis ca. 1822. Nachrichten darüber waren nicht vorhanden. Am 6. Oktober 1820 hatte L. L. Benedikt Knauf gleich zwei Todesfälle zu beklagen. Seine 30jährige Tochter Marie Dorothea Auguste verstarb am frühen Morgen und am Abend seine Ehefrau.11 Der einzige Sohn des Scharfrichters Calow, Georg Friedrich, hatte vermutlich das Lohgerbergewerbe erlernt und sich in Eilenburg mit der Scharfrichterwitwe Johanne Rosalie Müller geb. Reinknecht (geboren 1778) verheiratet. In dieser Ehe wurden am 6. Februar 1807 die Zwillinge Johanne und Ferdinand geboren. Üblicherweise wurde die Scharfrichterei vom Vater auf den Sohn vererbt. Georg Friedrich kaufte sie jedoch 1804 von seiner Mutter.12 Im Jahre 1822 kam Calow mit seiner Familie nach Köthen zurück, um das väterliche Erbe anzutreten. Die Scharfrichterei besaß er schon, erwarb im April 1823 von seinem Stiefvater Knauf (dieser verstarb im Juni 1823) das Haus am Magdeburger Tor, das Lederhaus, die Meisterei und die Abdeckerei auf der Dorfstätte.13 Ein halbes Jahr später vermerkte man im Bürgerbuch ,,Heute wurde dem Scharfrichter Georg Friedrich Calow, einziger Sohn des hierselbst verstorbenen Scharfrichters Joh. Georg Kalow, wegen Annahme der hiesigen Scharfrichterei ... das Bürgerrecht erteilt. Actum Köthen, den 15.10.1823".14 Calow betrieb intensiv das AbdeckereiGeschäft. 1825 umfriedete er seinen Lederplatz und als es um die Neubesetzung der Stadthirtenstelle ging, stellte er einen Antrag an den Magistrat, ihm allein das Recht zu überlassen, alle ,,toten Schweine usw. abzuziehen ..."15 Trotz seiner Berufung auf das Privileg der Abdecker, in einem bestimmten Bezirk das gefallenen Vieh wegzuschaffen, abzuhäuten und zu verscharren wurde der 68 Antrag abgelehnt. Sein Streitpartner, der Stadthirte Schmidt, argumentierte dahingehend, dass das ,,Schweinevieh und die Saugkälber von jeher den Stadthirten zukamen."16 Die Herzogliche Landesregierung entschied im Sinne der Stadthirten und bezüglich Calow, dass er ,,... mit seinen vermeinten Beschwerden gegen hiesige Stadthirten unter Verurtheilung in die Kosten abzuweisen sey ..."17 Im Dezember 1829 starb Calow und wurde am 4. Januar 1830 auf dem lutherischen Teil des alten Friedhofs begraben. Seine Witwe mit ihren beiden Kindern trat 1832 als Eigentümerin vom Haus Nr. 321 in der Magdeburger Straße, des Lederhauses vor dem Halleschen Tor und die dazugehörende Baustätte in Nienburg auf.18 Einige Jahre hatte sie vermutlich die Abdeckerei gemeinsam mit ihrem Sohn Ferdinand, der ein Lohgerbergeselle war weitergeführt. In einem Schreiben an den Magistrat bat sie darum, ihren Sohn von der Militärpflicht zu befreien. Sie beklagte ihre schwere wirtschaftliche Lage und das sie die Hilfe ihres Sohnes unbedingt benötigt. Sie wurde erhört, die Militärpflicht für Ferdinand erlassen, zumal er im preußischen Eilenburg geboren wurde und hier im Anhaltischen nicht verpflichtet war.19 Im Jahre 1846 erschien die erste Anzeige über den Verkauf der Abdeckerei in der Zeitung.20 Erst im November 1848 erwarb der AktienVerein zur Ablösung der CavillereiGerechtigkeit von der Witwe Johanne Rosine Calow verw. gew. Müller geb. Reinknecht und deren Kinder aus erster und zweiter Ehe das in der ,,Magdeburger Straße 321 belegene Haus mit Gehöft und Garten, das auf der Hohenköthener Marke belegene Lederhaus, eine Baustätte in Nienburg und die Meisterei und Abdeckerei in den Ämtern Cöthen, Nienburg, Wulfen, Gröbzig und Werdershausen ..."21 D I e b e s I t z V e r h ä l t n I s s e Au f Der Dor f s t ä t t e Damit endeten auch die Nachrichten über die Familie Calow. Ob die Witwe hier in Köthen verstarb oder verzogen ist, ließ sich bisher nicht ermitteln. d I e besItzVerhältnIsse auf der dorfstätte Der AktienVerein zur Ablösung der CavillerieGerechtigkeit (Caviller = Kafiller = Bezeichnung für den Abdecker) hatte sich zur Aufgabe gemacht, alte Bann und Zwangsverpflichtungen abzulösen. Zuerst verkaufte jener Verein das Haus in der Magdeburger Str. 22 im Februar 1850 an den Schlossermeister Carl Fink.22 untersagen, oder sie darin zu beschränken, mögen dieselben verliehen, durch gegenseitigen Vertrag oder unter einem anderen Rechtstitel erworben sein, können nach den folgenden Bestimmungen abgelöst werden ... Die bisherigen Inhaber von Zwangs und Bannrechten, beziehungsweise ausschließlichen Gewerbeberechtigungen werden hierbei insofern berücksichtigt, dass ihnen, wenn sie dazu qualifiziert sind, ein Abdeckereibezirk zur ferneren Ausübung ihres Gewerbes wieder zugetheilt wird ..."23 Zwischen 1862 und 1871 wechselten Lederhaus, Abdeckerei häufig die Besitzer. Auch mit dem Nachbarn, der Leimsieder und Weißgerber August Preuße später der Sohn Franz Preuße (geboren 1823) gab es Grundstücksverhandlungen durch Kauf oder Tausch. Im März 1871 erwarb Lucinda Pahl geb. Stengel aus Magdeburg vom Abdeckereibesitzer Adolf Krakau Haus und Hof, eine Leimsiederwerkstatt, sowie Ackerflächen, nachdem Adolf Krakau, den ehemaligen Calow'schen Besitz von den Aktionären des Cavillereivereins 1865 erworben hatte.24 Gleich im Oktober beantragte Lucinda Pahl den Kauf eines weiteren Teils der Dorfstätte, ,,neben dem Pahl'schen Etablissement ..."25 Der handelsregisterliche Eintrag der Firma soll am 1. Juni 1871 erfolgt sein.26 Ein weiterer Antrag von Frau Pahl im März 1872, die Verkohlung von Knochenschrot in ihrer Fabrik zu gestatten, wurde abgelehnt.27 Westlicher Nachbar von Frau Pahl wurde jener bereits erwähnte Preuße (der unter der Anschrift Edderitzer Chaussee eingetragen wurde) und nördlich (heute in Richtung HeinrichHeineStraße) ließ sich der Leimsieder Möbius nieder (später bekannt durch die so genannte MöbiusKiete). Der Abdecker, dann auch BezirksAbdecker Wilhelm Möbius betrieb sein Ge69 Abb. 47 Die Magdeburgerstraße 22 1862 regelte schließlich ein Gesetz die Ablösung des Kavillereizwanges. ,,Die Berechtigung, in einem gewissen Bezirke die Überlassung des gefallenen oder abständig gewordenen Großviehes (Rindvieh und Pferde) zu fordern (Zwangs und Bannrecht), sowie das damit verbundene Recht, Andern den Betrieb des Abdeckereigewerbes zu m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Abb. 48 Briefkopf Hermann Pahl 1877 werbe bis ca. 1899, sein Sohn führte am gleichen Ort eine Landwirtschaft und eröffnete 1925 eine Sandgrube. Mit den Nachbarn Möbius und Preuße kam es bis 1893 noch zu mehreren Grundstückstauschgeschäften, sowie Wege und Grenzflächenregulierungen. Der ehemalige Ackerplan Nr. 265 und später K 958 umfasste schließlich 1,6644 Hektar. Zwei Zeitungsinserate lassen vermuten, dass das Geschäft lief. Lucinda Pahl kaufte 1873 Heringsfässer an und suchte 1874 einen Kutscher. der fabrIKbesItzer herMann pahl Die verehelichte Lucinda Pahl überschrieb am 6. Juni 1877 ihren Besitz auf den Fabrikanten Hermann Pahl.28 Hermann Pahl (vermutlich ihr Sohn) war ab 1876 in Köthen ansässig. Der Eintrag in die Bürgergebührenliste erfolgte 1877.29 Im gleichen Jahr kaufte er das Wohnhaus in der Leopoldstr. 9330, verkaufte es aber 1880 wieder an den Gärtner Albert Schreiber.31 Daraufhin erwirbt er die Hallesche Straße 19 von Lebrecht Hause.32 70 Ein Wohnhaus auf dem Fabrikgelände (später in den Köthener Adressbüchern unter der Adresse ,,An der Dorfstätte 1") ist in den Bauunterlagen ab 1880 eingezeichnet, vermutlich aber älter.33 Das er auf dem Fabrikgelände wohnte lag nahe, als er im Dezember 1877 eine Befreiung von der Erhöhung der Hundesteuer beantragte, da seine ,,Fabrik isoliert auf freiem Felde liegt und er dafür seine zwei Kettenhunde benötigt ..."34 Als Vorreiter in Sachen Gleichstellung der Frau benutzten die Protokollanten der Gemeinderatssitzung schon die Bezeichnung ,,Fabrikantin". Das lässt vermuten, das die fabrikmäßige Produktion von Knochenmehl und vielleicht auch schon die Leimherstellung durch Lucinda Pahl in Köthen begründet wurde. Konkrete Angaben zur Produktion lieferte dann Hermann Pahl, der 1878 mit 12 Arbeitern Knochenmehl, Knochenfett und Knochenleim herstellte. Erste Erweiterungen bezüglich Bauten auf dem Betriebsgelände und in der Produktion folgten 1882 mit dem Antrag an die Polizeiverwaltung Köthen, ein neues Verfahren zur Entfettung der Knochen durch Einsatz von Benzin genehmigen zu wollen. Dieses Verfahren sah vor, I n t e r m e z z o otto mogK die zerkleinerten Knochen in einem eisernen, luftdicht verschlossenen Apparat, unter Zuführung von Benzin, zu erhitzen. Dann blieb dieser ,,Apparat 12 Stunden stehen, um dem Benzin Gelegenheit zu geben, das Fett aus den Knochen zu ziehen."35 Um seinem Antrag Nachdruck zu verleihen, fügte Pahl ein Gutachten des Köthener Arztes Dr. med. Eduard Fitzau bei. (Fitzau war zu diesem Zeitpunkt Sanitätsrat, Herzoglicher Kreisphysicus, dirigierender Arzt des Kreiskrankenhauses und Gutachter für die Gesundheitspolizei) In seinem Gutachten vermerkte Dr. Fitzau Folgendes: ,,... bin ich der Überzeugung, werden durch dieses Verfahren sich weder in nächster Nähe von der Fabrik lästige und der Gesundheit nachteilige Gerüche entwickeln, noch die von dieser Fabrikation abfließenden Wasser Rinnstein und Canäle besonders verunreinigen, noch den Boden, in welchem sie sich versiechen, vergiften."36 Für die Aufstellung dieser Entfettungsanlage wurde ein bereits vorhandener Fachwerkbau mit 0,40 cm Mauer verstärkt. Pahl schien technischen Neuerungen sehr aufgeschlossen gegenüber gestanden haben. Bereits ein Jahr später beantragte er die Errichtung einer massiven DampfLeimtrocknerei. Der Dampf für die Trocknung des Leimes in Röhren wurde mittels aufgestelltem ,,Locomobil" erzeugt. Auch diese Anlage verlangte nach einem Gutachten, wiederum von Dr. Fitzau erstellt, dem dieses Verfahren ,,... gesundheitlich unvergleichlich zweckmäßig erscheint ..."37 Im März 1886 verließ Hermann Pahl (die Gründe sind nicht bekannt) die Firma und übertrug sie, zu gleichen Teilen auf Hugo Pahl (vermutlich sein Sohn) und Otto Mogk. Hugo Pahl kam aus Magdeburg und war Kaufmann. Sein Partner Otto Mogk ebenfalls Kaufmann und Buchhalter stammte aus Calbe. Beziehungen nach Calbe gab es häufige. Von den Besitzern auf der Dorfstätte vor 1871 kamen die Abdecker Krakau aus Calbe und auch der kurzfristiger Eigentümer Custos Hundt. Ein immer wieder kehrendes Problem auf der Dorfstätte gab es mit dem Wasser bzw. Abwasser. 1886 schrieb Otto Mogk an den Magistrat ,,... aus dem Pahl'schen Etablissement werden täglich 10.000 Liter Wasser, welche zum Kühlen gebraucht werden, abgelassen. Das Wasser ist reines Quellwasser und ich bin bereit, zur Fortleitung desselben einen entsprechenden Beitrag zu errichten ..."38. Das Abwasser floss durch einen so genannten ChausseeGraben in einen weiteren Graben nach den Siebenbrünnen. Aufgrund des zum Teil schon verschütteten Siebenbrünnengrabens musste Mogk seinen Graben verfüllen und begann somit auf eine Art die Dorfstätte zu kanalisieren. 1889 und 1890 kauften Pahl und Mogk von der Cöthener Markgenossenschaft Reststücke eines Weges, sowie die Fläche von 1,02 qm von der Witwe Preuße. Mit dem Abdecker Möbius tauschten sie Trennstücke aus den Ackerplänen K 959 und K 958.39 I n t e r M e z z o otto MogK Seit 1888 nachweislich war Otto Mogk der alleinige Vertreter der Firma. Offiziell übertrug Hugo Pahl ihm die ideelle Hälfte der Knochenleimfabrik am 19. Februar 1893.40 Aus gewerblichen Unterlagen geht hervor, dass die Firma bis 1890 22 Arbeitskräfte, davon 16 männliche und 6 weibliche beschäftigte.41 Mit zwei neuen Dampfkesselanlagen, die erste noch aus MagdeburgBuckau, die zweite von der Köthener 71 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n des Gutsbesitzers Carl Walter aus Lausigk. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor. Als Eigentümer der Knochenleimfabrik wirkte Mogk nur zwei Monate er verstarb am 4. August 1893 in Bad Kissingen. Sein Name als Firmenname hatte jedoch Bestand bis in DDRZeiten. Minna Mogk übernahm die Firma am 12. Oktober 1893 im Alter von 23 Jahren. Zwischen 1893 und 1897 investierte sie in einen neuen Speicher, ein Arbeiterhaus (Ess und Baderäume für das Personal) und auch die Belegschaft wurde auf 36 verstärkt (davon 25 männliche und 11 weibliche Beschäftigte). Übliche Werbeanzeigen, Inserate in Zeitungen oder anderen örtlichen Veröffentlichungen finden sich gar nicht. In die ,,Schlagzeilen" geriet die Knochenleimfabrik 1894 durch einen tragischen Unglückfall mit Todesfolgen. Am 28. August befanden sich zwei Arbeiter in den Räumen der Entfettungsanlage und wurden dort durch giftige Gase bewusstlos. Ein Arbeiter konnte nur tot aus den Räumen geborgen werden, der andere wurde noch in das Krankenhaus gebracht und verstarb dort an den Folgen der Vergiftung.42 Untersuchungen der Gewerbeinspektion ergaben, dass Dämpfe und giftige Gase, die auch zu erheblichen üblen Geruchsbelästigungen führten, ungefiltert abgelassen wurden. Frau Mogk musste ,,zur Abführung und Unschädlichmachung der Gase und Dämpfe nach vollendetem Kochprozess des Ablassventil mittels Rohrleitung entweder mit dem Schornstein der Kesselanlage oder mir einer besonderen Condensationseinrichtung in Verbindung bringen ..."43 1897 heiratete Minna Mogk den Kaufmann Max Wagner (geboren am 24. November 1856 in Kleinbadegast), ein Sohn des Kommerzienrates und Begründer der Köthener ,,Maschinenfabrik Wagner & Co." Julius Wagner. Abb. 49 Fabrikbesitzer Otto Mogk Firma Franz Kurth und der Erbauung eines neuen Apparateraumes erweiterte sich die Firma. Otto Mogk wurde am 1. Mai 1858 in Calbe geboren. Sein Vater, der Rendant Friedrich Mogk verstarb in Bernburg. Mit seiner Mutter, Elwine Mogk geb. Erdmann (sie stammte aus der Lehrerfamilie Erdmann und wurde 1830 in Burg bei Magdeburg geboren) wohnte er auf dem Betriebsgelände. Otto Mogk heiratete in Libbesdorf am 7. Mai 1891 Minna Walter (geboren am 13. Juni 1870), die Tochter 72 I n t e r m e z z o otto mogK Zwischen 1897 und 1898 erbaute das Ehepaar Wagner ihr neues Wohnhaus in der Bärteichpromenade 25. Max Wagner wurde Miteigentümer der Mogk'schen Fabrik. Vordem betrieb er eine Versicherungsagentur unter der Bezeichnung ,,Tröbes & Wagner". Am 8. Februar verließ er das Geschäft und der Kaufmann Karl Tröbes führte dieses, unter Beibehaltung des alten Namens, weiter. Gleichzeitig erfolgte die Umwandlung der Firma Mogk in eine offene Handelsgesellschaft. Laut Handelsregistereintrag Fol. 528 ,,ist die Fa. Otto Mogk offene Handelsgesellschaft mit Sitz in Köthen am 19.2.1897 errichtet. Der Kaufmann Max Wagner ist in das Geschäft als Gesellschafter eingetreten."44 Mit Wagner kam eine neue Produktionsstrecke, die Lederleimfabrikation, hinzu. Die Köthener Polizeiverwaltung ließ sich den Produktionsvorgang genauestens beschreiben und legte ein Hauptaugenmerk auf die AbwasserFrage. Durch den Siebenbrünnen, Fasanerieund CöthenGeuzerGrenzgraben flossen die Abwässer Abb. 50 Bärteichpromenade 25 73 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Abb. 51 Minna Wagner (sitzend, dritte von links) bei der Taufe 1907 der Familie Naumann in die Ziethe. Unter Vorsitz von Herrn Adolf Strandes in Zehringen legte die ZietheGrabenKommission einen jährlich zu zahlenden Beitrag von 50 Mark fest.45 1899 gab es die bisher höchste Beschäftigungszahl von 42 Arbeitern; bis 1901 wieder rückläufig auf 35. Anfang 1911 wurde ein neues Kesselhaus erbaut ausgeführt durch die Fa. Wagner & Co. und am Ende des Jahres, am 10. November verstarb Max Wagner im Alter von 55 Jahren. Wiederum führte Minna Wagner verw. Mogk die Firma allein weiter. 74 Die Bautätigkeit auf dem Betriebsgelände riss bis zum Beginn des 1. Weltkrieges nicht ab. So wurde 1913 der Schornstein des Kesselhauses auf 46,5 Meter erhöht, der Knochenpolierraum erweitert und 1914 eine Anlage zur Flugascheverhütung im Kesselhaus installiert.46 In den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen vor und bis zum Ende des 1. Weltkrieges gab es nachweislich keine Entlassungen von Arbeitskräften trotz schwieriger Absatzlage.47 Wo diese Absatzmärkte lagen, ist bis zu diesem Zeitraum nicht überliefert. Jedoch scheint eine kontinuierliche I n t e r m e z z o otto mogK Abb. 52 Situationsplan der Knochenleimfabrik 1889 75 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Abb. 53 Situationsplan der Knochenleimfabrik 1911 76 D I e fIr m A zwIsch e n Den K r I e g e n Produktion vorhanden gewesen sein Betriebsstilllegungen, Arbeitszeitverkürzung, Konkurse oder Zwangsversteigerungen sind für die Fa. Mogk nicht nachweisbar. Natürlich fehlen dazu Geschäftsberichte oder Bilanzen. d I e fIrMa zwIschen den KrIegen Mit der Bautätigkeit auf dem Firmengelände ging es 1921 durch den Neubau eines Knochenlagerraumes weiter. Da sich der Giebel dieses Gebäudes an der Straßenfront zur Wülknitzer Kreisstraße befand, forderte der Magistrat statt einer schrägen Giebelwand die architektonisch besser ausgebildete rechteckig, gebrochene Form. Weitere Bedingung war die grundbuchliche Eintragung, dass bei Durchführung von Straßenfluchtlinien dieser Bau, falls erforderlich, wieder abgebrochen werden musste.48 Diese geforderten Verpflichtungen ließ Minna Wagner im Grundbuch auf Blatt 2827 eintragen. statt Kopfsteine vier Reihen Mansfelder Schlackesteine 4. Wahl verwendet werden. Und der westliche Graben, der von der Firma zugeschüttet wurde, musste im Längen und Querprofil, nach Maßgabe der Straßenbauverwaltung, wieder hergestellt werden. Sämtliche Kosten trug die Knochenleimfabrik. Umfangreiche Grabenregulierungen erfolgten auch im östlichen Bereich 1929. Starke Schneeschmelze und heftige Regenfälle im Frühjahr des Jahres beschäftigte die städtische Wasserwerksdeputation. Auf ihrer 4. Sitzung wurde festgestellt, ,,das das sich in den Graben an dem Weg bei der Leimfabrik Mogk sammelnde Niederschlagswasser keine direkten Abflussmöglichkeiten hat, sondern erst nach Erreichung einer bestimmten Höhe über den angrenzenden Acker nach dem so genannten Siebenbrünnengraben abfließen kann. Es ist daher unbedingt notwendig, diese Grabenverbindung herzustellen. Soweit dieses als offener Graben möglich war, ist die Durchführung bereits erfolgt. Etwa 70 Meter müssen jedoch, da die Herstellung als offener Graben infolge des schmalen Weges nicht möglich ist, kanalisiert werden."49 Für den Bau dieses Kanals lieferte die Fa. Weber aus Sandersleben die Zementrohre. Ein massives Pumpenhaus über dem eigenen Brunnen und die Erweiterung des Wohnhauses veranlasste Minna Wagner bis Ende der 20er Jahre. Einblicke in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Firma ab 1931 wurden aus den drei Jahre andauernden Verhandlungen um die Abwassergebühren sichtbar. Im April 1931 teilte der Geschäftsführer Emanuel Hoppe mit, dass die Knochenleimfabrikation ihre Produktion eingestellt hat, das Abwässer nicht mehr zugeführt wurden und demzufolge auch keine Kläranlagegebühren gezahlt wurden. Er bat weiterhin um die Befreiung der 77 Abb. 54 Stempel der Firma 1921 In diesem Zusammenhang veranlasste die Kreisverwaltung die Neuvermessung der Grenzen des Grundstückes durch einen Landmesser. Die erforderlichen Grenzsteine lieferte die Kreisstraßenverwaltung. Sämtlichen Einfahrten nach dem Grundstück mussten neu gepflastert werden. In der Mitte des ,,Fußgängerbanketts" mussten m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Abb. 55 Der 1. Mai 1933 in der Fa. Mogk noch anstehenden Gebühr in Höhe von 2.800 Mark, da trotz ,,schwieriger wirtschaftlicher Lage, bei einer alten, unmodernen Fabrik ohne Bahnanschluss", die Fabrikation wieder aufgenommen werden soll.50 Diese Verhandlungen zwischen Magistrat und Firma zogen sich bis 1933 hin. Dabei kam es zu mehrmaligen, kurzfristigen Betriebsstilllegungen für die 5 Angestellten und 34 Arbeiter, zu Stundungen und Herabsetzungen der Abwassermengen, sowie einer Neufestsetzung von Preis und Menge für das Wasser. 78 Auch der Absatz von Knochenmehl, in nicht näher bestimmter ostelbischer Landwirtschaft, ging schleppend und Kunden in Ostpreußen und Schlesien hatten sich zurückgezogen. Und das Leimlager war voll, der Absatz hier für Pianoforte und sonstige Holz und Kartonagenindustrie lief schlecht, da diese Industriezweige völlig daniederlagen.51 Die Versuche neue Auslandsgeschäfte aufzubauen, z. B. mit einer russischen Gesellschaft, scheiterten an hohen Zöllen und Einfuhrbeschränkungen. D I e fIr m A zwIsch e n Den K r I e g e n Im Juli 1934 machte die Knochenleimfabrik nochmals ,,Schlagzeilen" in hiesiger Zeitung unter der Überschrift ,,Großfeuer in der Leimfabrik".52 Ein Feuer im Dachbereich des Wohnhauses war ausgebrochen und verursachte einen Schaden in Höhe von 7.000 RM. Die Löscharbeiten, unter Leitung des Kommandeurs Bunzel, gestalteten sich anfangs schwierig, da der, durch Baumaßnahmen verlegte Hydrant nicht sofort gefunden werden konnte. Die Brandbekämpfung dauerte mehrere Stunden an. Personen kamen nicht zu Schaden und der Fabrikationsbetrieb des Unternehmens erlitt keine Unterbrechung. Wie in vielen anderen Betrieben auch, wurde 1938 ein Luftschutzraum für die Belegschaft innerhalb des Werkes ausgebaut.53 Die Anschaffung einer KesselspeisewasserAufbereitungsanlage 1942 war die nachweislich letzte Investition auf dem Betriebsgelände.54 Bereits 1923 hatte sich die offene Handelsgesellschaft in eine GmbH umgewandelt. Der Handelsregistereintrag unter Nr. 6 Abt. B lautet wie folgt: ,,... ist die Firma Otto Mogk, Knochenmehlund Leimfabrik, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Cöthen eingetragen. Gegenstand des Unternehmens ist der Betrieb einer Knochenmehl und Leimfabrik und aller dazu gehörigen und damit im Zusammenhang stehenden Nebengewerbe. Das Stammkapital beträgt 2 000 000 Mark. Ordentliche Geschäftführer sind Frau Fabrikbesitzer Minna Wagner geb. Walter und Fabrikdirektor Emanuel Hoppe, beide in Cöthen. Stellvertretende Geschäftsführer sind Frau Margarete Thimey geb. Wagner und deren Ehemann, Rittergutsbesitzer Karl Thimey, beide auf Rittergut Reinsdorf bei Landsberg (Bez. Halle). Jeder ordentliche Geschäftsführer ist für sich allein zur Vertretung der Gesellschaft und Zeichnung der Firma befugt; die stellvertretenden Geschäftsführer vertreten die Gesellschaft und zeichnen deren Firma gemeinschaftlich. Der Gesellschaftsvertrag ist am 26. April 1923 festgestellt."55 Bis in die 40er Jahre arbeitet die GmbH unter dieser Leitung. Im November 1940 verstarben Karl Thimey und ein Jahr später der Geschäftsführer Emanuel Hoppe. Vermutlich hat sich Minna Wagner nun auch aus der Firma zurückgezogen und diese, in welcher Form auch immer, verkauft. Abb. 56 Minna Wagner bei der Hochzeit ihrer Nichte 1932 79 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n Der Eintrag beim Amtsgericht Köthen lautete: ,,B 134. Fa. Otto Mogk, Knochenmehl und Leimfabrik GmbH, Köthen. Emanuel Hoppe ist verstorben. Frau Minna Wagner, Frau Margarete Thimey und Karl Thimey sind abberufen. Zu neuen Geschäftsführern sind bestellt worden: a) Kaufmann und Fabrikdirektor Adolph Schreiber in Brechelshof, b) Kaufmann Karl Marks in Dresden, c) Regierungsrat a. D. Rudolph Friedrichs in Dresden. Köthen, den 19. Februar 1942"56. Am 10. Juli gab es nochmals einen Wechsel. Die Gesellschafter Karl Marks und Rudolph Friedrichs legten ihre Ämter nieder und zum Geschäftsführer wurde der Kaufmann Hermann Lindemann in Niederpoyritz bei Dresden bestellt.57 Ende des Jahres 1942 trat ein neuer Gesellschaftsvertrag in Kraft. Damit endete für Minna Wagner verw. Mogk geb. Walter eine fast 50jähige Betriebsgeschichte. Im Alter von 72 Jahren ging sie in den verdienten Ruhestand. Die amerikanischen Besatzungstruppen beschlagnahmten die Villa vom 24. April bis 3. Juli 1945. Einige Tage später, am 14. Juli zogen russische Truppen ein. Vermutlich musste sie sehr überstürzt das Haus verlassen, da sie im September 1945 an den Magistrat schrieb, man möge ihr doch einige Möbel und Hauswirtschaftsgegenstände zur Verfügung stellen, weil in ihrem Haus nichts brauchbares mehr vorhanden war.58 Ob sie Unterstützung fand, ist nicht bekannt. Jedoch für die Besetzungen zahlte man ihr im Februar 1946 Mieterstattungen in Höhe von 214 RM.59 Auch nach Freiwerden der Villa, stand ihr diese nicht mehr zur Verfügung. Auf der 3. Sitzung des Wohnungsausschusses der Stadtverordnetenversammlung wurde unter Punkt 3 Folgendes beschieden: ,,Hinsichtlich der Verwendung der von den Besatzungstruppen geräumten Villa Wagner wird beschlossen, den 80 Antrag des Finanzamtes auf Zuweisung des Gebäudes als Amtsgebäude abzulehnen. ... Zur Verwendung des Gebäudes Villa Wagner wird als neuer Punkt der Tagesordnung der Antrag des Gemeindevertreters Herrn Ochsenfahrt, das Gebäude der Freien Deutschen Jugend zur Verfügung zu stellen, einstimmig angenommen."60 Minna Wagner wohnte ab 1945 bis zu ihrem Tod in der FriedrichEbertStraße 43. Im August 1893 hatte sie bereits die Erbbegräbnisstätte Nr. 9 im Quartier E auf dem neuen Gemeindefriedhof erworben.61 Dort wurde sie, zwischen ihren beiden verstorbenen Ehemännern am 7. Dezember 1962 beigesetzt. u n d wIe gIng es MIt der fIrMa weIter? Der Eintritt Hermann Lindemanns als Geschäftsführer in die GmbH rückte die Firma für einen ,,historischen Moment" in die große Politik des Nationalsozialismus. Jener Hermann Lindemann war ein Neffe von General Fritz Lindemann, der zu Kreis der Attentäter auf Hitler gehörte. Lindemann, sowie auch Karl Marks und mehrere andere Personen, unterstützten den flüchtigen General. Die Bemühungen scheiterten, Fritz Lindemann wurde aufgespürt, angeschossen und verstarb am 22.9.1944 im Berliner Polizeikrankenhaus. Die folgenden Prozesse vor dem Volksgerichtshof am 1. Dezember 1944 verurteilten u. a. Karl Marks zum Tode und Hermann Lindemann zu 10 Jahren Zuchthaus und Einziehung der Vermögenswerte.62 Welche Auswirkungen der 2. Weltkrieg, der Einzug amerikanischer und dann russischer Truppen in Köthen auf die Knochenleimfabrik hatte, ist nicht bekannt. Es gab keine Schließung, unter Sequesterstellung, Beschlagnahmungen oder Entnazifizierungen oder die Unterlagen fehlen. u n D wIe gIng es mIt Der fIr m A weIter? Abb. 57 Erbbegräbnisstätte Minna Wagner Im September 1945 wandte sich ein Herr Alfred Eger im Namen der Otto Mogk (Chemische Fabrik Köthen GmbH) an die Reichsbahndirektion, die Güterabfertigung in Köthen wieder veranlassen zu wollen. Große Waggonladungen waren am Köthener Bahnhof für die Firma angekommen und mussten entladen werden, wofür die geeigneten Transportmittel fehlten. Auch im Februar 1946 gab es diese Probleme.63 Offiziell erhielt die Firma Otto Mogk (Chemische Fabrik Köthen GmbH) am 20. Februar 1947 durch den Bezirkspräsidenten, Abt. Wirtschaft, die Genehmigung zur Weiterführung des Betriebes. Grundlage dafür war die Verordnung des Präsidenten der Provinz Sachsen über die Eröffnung und Stilllegung von Gewerbetrieben vom 3.11.1945 im Einvernehmen mit der Industrie und Handelskammer in Dessau.64 81 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n 1948 erfolgte dann die treuhänderische Verwaltung durch den Landkreis und die Einsetzung des Treuhänders Rudolf Wolf. In seiner Bilanz von 1950 schilderte er Recht und Wirtschaftsverhältnisse, die noch einen letzten Blick auf die Knochenleimfabrik gestatten. Rechtlich galt die Firma 1950 noch als ein Privatunternehmen mit einem Stammkapital von 300.000 DM und den im Handelsregister eingetragenen Gesellschaftern Fritz Mädler (Dresden), Otto Hoffmeier (München) und Fa. Wilhelm Saupe (Eisenach). Zu Geschäftsführern waren Fritz Mädler und Elisabeth Lindemann (Göttingen) bestimmt. Der Betrieb wurde am 4. März 1949 wegen Rohstoffmangel, mit Einverständnis der Abt. Wirtschaft und Verkehr beim Rat der Stadt Köthen, stillgelegt. Vor dem Landgericht in Dresden wurde Hermann Lindemann im November 1950, in Abwesenheit, ein zweites Mal verurteilt. Man klagte ihn eines Verbrechens nach Befehl 160 SMAD an, warf ihm schwere Schädigung des wirtschaftlichen Aufbaus insbesondere in Sachsen und Thüringen vor und verurteilte ihn zu 10 Jahren Zuchthaus, Vermögensentzug und Ehrenrechtsverlust auf die Dauer von 5 Jahren.65 (Dieses Urteil wurde 1991 vor dem Bezirksgericht Leipzig, 2. Senat für Kassationssachen und Rehabilitierung auf Antrag der Erben, Bevollmächtigter Friedrich Wilhelm Naumann aufgehoben. Der Verurteilte wurde freigesprochen und die Vermögenseinziehung entfiel.) Damit war der Einzug des gesamten Vermögens gegeben, der Betrieb ging zunächst in das Kommunale Wirtschaftunternehmen (KWU) der Stadt über, wurde dann Abb. 58 / Abb. 59 Ansicht der Knochenleimfabrik aus den 50er Jahren 82 AnmerKungsVerzeIchnIs Abb. 60 / Abb. 61 Ansicht der Knochenleimfabrik aus den 60er Jahren verkauft und am 16. Januar 1953 endgültig aus dem Handelsregister ausgetragen. Auf dem Gelände der ehemaligen Knochenleimfabrik siedelte sich dann die LPG Pflanzenproduktion Baasdorf an. Das ist dann aber eine andere Geschichte. anMerKungsVerzeIchnIs Sämtliche Akten, Bürgerbücher, Zeitungen und Amtsblätter sind aus dem Bestand des Stadtarchiv Köthen. 5 Käufliche Überlassung eines Fleckes auf der hiesigen Dorfstätte, 1818, 1820, 9/55/E 3 Pachtweise Überlassung eines Teils der Dorfstätte, 1820, 9/355/G 35 Gesuch einiger Tagelöhner in der Residenz, um Erlaubnis zur Anlegung von Wohnhäusern auf der Dorfstätte 1825, 6/597/C 7 Kämmereirechnung 1754 1755 Stadt A Köthen, Auslieferung der Häute und des Talges des an der Seuche verstorbenen Viehes, 1760 1761, 7/1046/H 13 ebenda Stadt A Köthen, Cöthensche Zeitung 1820 6 7 1 Käufliche Überlassung eines Fleckes auf der hiesigen Dorfstätte, 1818, 1820, 9/55/E 3 8 9 2 Instanderhaltung und das Befahren der Wege, 1804 1846, 6/443/B 7 ebenda ebenda 3 4 10 11 83 m I n n A w A g n e r Ve r w . mogK ge b . wAl t e r unD DIe K n o c h e n l e I m f A b r I K In K ö t h e n 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 Akten des Polizeiamtes 1820 1829, 1/28/E 13 Eigentumsveränderungslisten, 1790 1849, 9/1516/H 11, S. 61 Bürgerbuch der Stadt Köthen 1729 1832 Die Erwählung der Stadthirten, 1822 1857, 0/183/C 5 ebenda ebenda Eigentumsveränderungslisten, 1790 1849, 9/1516/H 11, Blatt 87 Akten des Polizeiamtes 1820 1829, 1/28/E 13 Cöthensche Zeitung 1846 Eigentumsveränderunglisten, 1790 1849, 9/1516/H 11, S. 194 Eigentumveränderungslisten, 1849 1861, 9/1575/B 50, Blatt 12 Anhaltische Gesetzblattsammlung, Gesetz zur Ablösung des Kavillereizwanges, Nr. 605 vom 15. Juli 1862, Blatt 6451 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 ebenda Gewerbliche Anlagen 1877 1908, 7/1004/H 5 Cöthensche Zeitung vom 24.8.1894 Bauakte Nr. 208 An der Dorfstätte 1 Cöthensche Zeitung Nr. 46 vom 24.2.1897, Seite 1 Akten der ZiethegrabenKommission, 1891 1903, 6/1575/G 70 Bauakte Nr. 210 An der Dorfstätte 1 Arbeitslosigkeit und Notstandsarbeiten 1901 1930, 7/950/G 84 Bauakte Nr. 212 An der Dorfstätte 1 Graben östlich von Mogk's Fabrik, 1902 1930, 6/1566/F 70 Herabsetzung der Abwassermengen der Fa. Mogk, 1931 1933, 6/1287/H 49 ebenda Köthensche Zeitung vom 19.7.1934, Nr. 166, S. 3 Bauakte Nr. 212 An der Dorfstätte 1 Bauakte Nr. 213 An der Dorfstätte 1 Amtsblatt für Anhalt vom 6.7.1923, 160. Jahrgang, Nr. 55, S. 191 Amtsblatt für Anhalt vom 27.2.1942, 179. Jahrgang, Nr. 10, S. 22 ebenda Wohnungsprobleme, 1946 1949, 0/3097/E 100 Wirtschaftsausschuss 1947 1948, 7/1302/B 94 Wohnungsprobleme, 1946 1949, 0/3097/E 100 Erbbegräbnisplätze 1887 1938, 6/942/A 45 Gerichtsurteil vom 22.12.1944, Kopien von Herrn Rechtsanwalt FriedrichWilhelm Naumann, Bonn Wirtschaftsbeirat, 1945 1946, 7/1364/G 95 Treuhandbetrieb Leimfabrik Mogk, 1947 1950, 7/1367/G 95 Kassationsurteil vom 21.11.1991, Kopie von Herrn Rechtsanwalt FriedrichWilhelm Naumann, Bonn 51 52 53 54 55 24 25 Eigentumsveränderungslisten, 1873 1879, 9/1241/D 86 Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 21.10.1871, Blatt 62, 0/119/B 5 Gewerbliche Anlagen 1877 1908, 7/1004/H 5 Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 26.3.1872, 0/121/B 5 Eigentumsveränderungslisten, 1873 1879, 9/1241/D 86 Bürgerscheingebührenliste 1853 1900 Eigentumsveränderungslisten, 1873 1879, 9/1241/D 86 Eigentumsveränderungslisten, 1880 1888, 9/1525/H 13 ebenda Bauakte Nr. 208 An der Dorfstätte 1 Die Einführung der Hundesteuer 1829 1901, 9/531/B 41 Bauakte Nr. 208 An der Dorfstätte 1 ebenda ebenda Die Verhandlungen der Vertretung der Markgenossenschaft, 1871 1896, 6/15/E 4 Eigentumsveränderungslisten, 1889 1895, 9/1481/H 3 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 39 84 abbIldungsnachweIse Abb. 1 Abb. 2 Abb. 3 Abb. 4 Abb. 5 Abb. 6 Abb. 7 Abb. 8 Abb. 9 Abb. 10 Abb. 11 Abb. 12 Abb. 13 Abb. 14 Abb. 15 Abb. 16 Abb. 17 Abb. 18 Abb. 19 Abb. 20 Abb. 21 Abb. 22 Abb. 23 Abb. 24 Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 45, Alter Friedhof Festschrift zur 50jährigen Jubelfeier der Johannisloge Ludwig zum Palmbaum Or. Köthen 18791929, Privatbesitz OttoWalter Kurstedt Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 20 Historisches Museum für Mittelanhalt, Köthen, Fotosammlung im Privatbesitz von Herrn Günter Dinglinger, Kaarst Stadt A Köthen, Eine Sammlung führender Persönlichkeiten aus dem Herzogtum Anhalt, 1910 im Privatbesitz von Herrn Günter Dinglinger, Kaarst Stadt A Köthen, Fotosammlung, Geheimer Commerzienrath Felix Friedheim, ohne Datum Sammlung Matthias Freundel Stadt A Köthen, Plan der Stadt Köthen bearbeitet von H. Gier, um 1890, Ausschnitt Sammlung Matthias Freundel Historisches Museum für Mittelanhalt, Köthen, Fotosammlung Stadt A Köthen, Akte 9 / 2252 / G 61 im Privatbesitz von Herrn Günter Dinglinger, Kaarst Historisches Museum für Mittelanhalt, Köthen, Fotosammlung Sammlung Matthias Freundel ebenda ebenda Historisches Museum für Mittelanhalt, Köthen, Fotosammlung ebenda Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 26, Werkhalle Paschen Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 26, Werkhalle Willy Fried Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 26, Fa. Paschen Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 26, Fa. Kurth Abb. 25 Stadt A Köthen, Fotosammlung Nr. 26, Fa. PaschenGießerei Abb. 26 Stadt A Köthen, Nachlass BehrSchlegel, 50.58 / 14 Abb. 27 Rotunde, Weltausstellung Wien 1873, aus Wikipedia Abb. 28 Stadt A Köthen, Akte 1 / 832 / F 50 Signalhörner in den Fabriken 18841885 Abb. 29 Sammlung Matthias Freundel Abb. 30 Stadt A Köthen, Akte 4 / 561 / B 26 ,,Betriebskrankenkasse Wagner 1879 1908" Abb. 31 Sammlung Matthias Freundel, Prospektbuch Wagner (ca. 1908) Abb. 32 ebenda Abb. 33 ebenda Abb. 34 Stadt A Köthen, Nachlass Niemann 50.56 Abb. 35 ebenda Abb. 36 ebenda Abb. 37 ebenda Abb. 38 Sammlung Matthias Freundel Abb. 39 Ullsteinbild, Berlin Abb. 40 Historisches Museum für Mittelanhalt, Köthen, Fotosammlung Abb. 41 Dörries. Geschichte und Entwicklung, Hrsg. Dörries GmbH, Düren 1992, S. 35 Abb. 42 Stadt A Köthen, Nachlass Niemann 50.56 Abb. 43 Stadt A Köthen, Nachlass Niemann 50.56, Fa. Wagner Abb. 44 Stadt A Köthen, Akte 6 / 597 / C 7, Der Dorfstättenacker um 1825 Abb. 45 Darstellung der Vollstreckung eines Todesurteils, vollzogen durch einen Scharfrichter, aus Wikipedia Abb. 46 Stadt A Köthen, Akte 7 / 1046 / H 13, 1761, ein Nachrichter ist eine andere Bezeichnung für Scharfrichter Abb. 47 Stadt A Köthen, Fotosammlung, Magdeburger Str. 22 Abb. 48 Stadt A Köthen, Akte 9 / 531 / B 41, 1877 85 AbbIlDungsnAchweIse Abb. 49 im Privatbesitz von Herrn FriedrichWilhelm Naumann, Bonn und mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt Abb. 50 Stadt A Köthen, Fotosammlung, Bärteichpromenade 25 Abb. 51 im Privatbesitz von Herrn FriedrichWilhelm Naumann, Bonn und mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt, Taufe bei der Familie Naumann 1907 Abb. 52 Stadt A Köthen, Bauakte Nr. 208 Abb. 53 Stadt A Köthen, Bauakte Nr. 209 Abb. 54 Stadt A Köthen, Bauakte Nr. 212 Abb. 55 Stadt A Köthen, Fotosammlung Kresse, Band 2 Abb. 56 Stadt A Köthen, Nachlass BehrSchlegel, Fotoalbum Nr. 11, Minna Wagner 1932 bei der Hochzeit ihrer Nichte Gertrud mit Klaus Hahne Abb. 57 Foto Bernd Westphal, Erbbegräbnisstätte Minna Wagner auf dem Köthener Gemeindefriedhof in der Maxdorfer Straße Abb. 58 im Privatbesitz von Herrn Otto Peters Abb. 59 ebenda Abb. 60 Stadt A Köthen, Fotosammlung Kresse, Band 2 Abb. 61 ebenda Titel Stadt A Köthen, Nachlass Voigt, 50.58 / 14, Aktie der Zuckerfabrik AltKöthen von 1873 86 Herausgeber: Monika Knof und Matthias Freundel 1. Auflage 2008 Alle Rechte vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung einschließlich fotomechanischer und digitalisierter Wiedergabe nur mit schriftlicher Genehmigung der Herausgeber. Satz: stm media GmbH Druck und Weiterverarbeitung: druckhaus köthen GmbH
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